Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

Auge in Auge mit dem Schwarzen Mann

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

 

Auf der Fahrt durch den Wald meinem Ziel entgegen schwirrt es durch meinen Kopf: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ Ich sehe die alte Turnhalle vor mir und die Kindergruppen an den beiden Seiten, die sich gegenseitig zurufen: „Und wenn er kommt?“ – „Dann laufen wir!“

Und laufen werde ich auch. Denn ich werde ihm heute begegnen: dem Schwarzen Mann mit seinen Höhen und Tiefen. Erst einmal Höhen, denn ich befinde mich zunächst einmal auf dem Bergrücken. Oder Hügelkamm? Scheitel des Höhenzugs? Ich forsche nach: Der Schwarze Mann ist 697,3 Meter hoch. Und hat natürlich nichts mit dem Kinderlied zu tun – ach was! Das Internet weiß: Der Schwarze Mann ist die höchste Erhebung der Schneifel sowie der dritthöchste Berg der Eifel (nach der Hohen Acht und dem Erresberg) und gilt als Eldorado für Wintersportler und Wanderer sieben Kilometer nordwestlich von Prüm unweit der belgischen Grenze im Naturpark Hohes Venn. Und falls jemand mit dem Wort Schneifel nichts anfangen kann – das steht nicht etwa für die Schnee-Eifel, in der sich die Schneifel befindet, die aber ein größeres Gebiet umfasst, sondern kommt von dem Wort „Schneise“ und bezeichnet den Gebirgszug, zu dem auch der Schwarze Mann gehört. Verwirrt beschließe ich, dem Internet und meinen diversen Broschüren in dieser Hinsicht zu vertrauen und wende mich wieder dem Schwarzen Mann zu.

Doch bevor ich dem Herrn in die Augen schaue, halte ich am Wanderparkplatz 5. Denn nur 200 m von hier, direkt dort, wo die Straße nach Schlausenbach abzweigt, steht das Kettenkreuz und erzählt seine dunkle Geschichte. Dorthin gelange ich über einen weich federnden Waldpfad, der „nur für Wanderer“ (so steht es auf dem alten Holzschild am Wegrand) parallel zur Straße verläuft. Die beiden Bänke am Kreuz laden zu einer Pause ein, in der ich die Legende in Ruhe wirken lassen kann.

Kätt, ein Mädchen aus Schlausenbach, muss mutig und unerschrocken und vielleicht ein wenig vorwitzig gewesen sein. Sie wettete mit den jungen Männern aus ihrem Dorf, sie werde des Nachts allein im Dunkeln zu einem düsteren Ort mitten im Wald laufen. Auf dem Weg hinauf auf den Grat überfiel sie die Angst. Hinter jedem Baum oder Strauch witterte sie Gefahr. Als die Dorfjungen übermütig als Gespenster verkleidet aus den Büschen sprangen, erschrak sie so sehr, dass sie tot zu Boden fiel. An dieser Stelle wurde später ein Kreuz für sie errichtet: das Kättchenkreuz – heute Kettenkreuz genannt.

Als nächsten Ausgangspunkt habe ich mir den Wanderparkplatz 7 ausgesucht. Er liegt direkt oben am „Schwarzen Mann“ und trägt den klangvollen Namen „Am Tranchotstein“ – nach dem Tranchotstein, den wir später noch kennen lernen werden.

Rechterhand des Wanderweges, auf der Rückseite der an den Parkplatz grenzenden Erhebung führt eine Treppe hinauf zu einer Plattform, auf der sich ein hölzerner Geselle befindet: der Schwarze Mann mit Hut, langem Bart und Wanderstock. Hier oben erfahre ich, was die Gegend ausmacht und woher der seltsame Name stammt: Bis ins 19. Jahrhundert hinein war der 15 Kilometer lange Höhenrücken unter dem Namen „Kerschtgesroth“ bekannt, was „Waldrodung“ bedeutet und auf den keltischen Volksstamm der Karusker/Cäroser zurückgeht, der hier beheimatet war. Der heutige Name stammt möglicherweise von den schwarzen Gesichtern der Bergleute oder der Köhler, die in der Gegend lebten und arbeiteten – vielleicht aber auch von den Holzgerüsten aus Baumstämmen, die napoleonische Landvermesser als Orientierungspunkte in die Landschaft setzten und die aus der Ferne wie dunkle Gestalten gewirkt haben mögen.

Aus dieser Zeit stammt auch der Tranchotstein direkt gegenüber der Treppe, dort, wo der „Moore-Pfad Schneifel“ die L20 kreuzt. Napoleons Kartograph Jean Joseph Tranchot markierte den höchsten Punkt der Schneifel (50°15’29″N, 6°21’37″E) mit diesem Stein, der die Inschrift „Kerschtgesroth“ trägt und mit Symbolen versehen ist. Er ist einer von 59 Punkten, die dazu dienten, das eroberte linksrheinische Gebiet flächendeckend zu kartographieren.

Etwas betriebsblind finde ich erst einmal weder den von mir mit Spannung erwarteten Holzkerl am höchsten Punkt noch den Stein mit dem interessanten Namen auf Anhieb und trabe an ihnen vorbei den Moore-Pfad Schneifel bergab, wo mich schon der nächste Fels mit Geschichte erwartet. Einfach so am Wegrand befindet sich ein Menhir – auch Langstein oder Weisenstein genannt. Die Kelten hinterließen sie in der Eifel, und es wird vermutet, dass sie besondere Stellen markierten, als Wegweiser oder auch Göttersteine dienten. Wer Kultorte finden möchte, muss nicht weit reisen. Alles, was wir in der Ferne suchen, finden wir auch in der Eifel! Der 150 cm hohe „Forstmeister-Jansen-Stein“ aus Grauwacke war schon lange in der Schneifel bekannt. 1930 wurde er an die jetzige Stelle verbracht und mit einer Inschrift im Gedenken an den Trierer Oberforstmeister Ivo Jansen versehen, die heute kaum noch erkennbar ist. So wandelt er sich vom Gedenkstein wieder zurück zu seinem keltischen Ursprung.

Etwas unterhalb treffe ich auf den Wanderweg 1 und folge dem Westwallweg nach rechts. Auf 630 Kilometern Länge waren von Kleve bis Basel 20.000 Bauwerke aus Zement, Eisen und Holz als Verteidigungs-Bollwerk im Westen errichtet worden. Ein Teil der Ruinen aus dieser Zeit befindet sich hier, auf dem Schwarzen Mann, und mahnt uns zum Frieden. Beeindruckende Relikte aus dem 2. Weltkrieg säumen den Weg, und ein Audioguide mit QR-Code erzählt mir an dieser Stelle die Geschichte des moosbewachsenen Gruppenunterstandes für 15 Personen (Station 11), den ich nun interessiert betrachte und der sich kaum von einem unterhöhlten Felsen unterscheidet.

Über die bequem ausgebauten Wanderwege 1 und 9 arbeite ich mich bergab ins Tal vor, wo ich wieder auf den „Moore-Pfad Schneifel“ treffe, mich dort links halte und etwas suche, das mich schon im Vorfeld neugierig gemacht hat: das Eschfenn mit seinen Blockbohlenwegen. Der Wald weicht einer kärgeren Moor-, Sumpf und Heidelandschaft, und dann erblicke ich links hinter einer Sitzgruppe den ersehnten Blockbohlenweg im Quellgebiet des Alfbaches. Spätestens hier fällt mir auf, was mich schon den ganzen Tag begleitet: Gluckerndes Wasser und das Zwitschern der Vögel. Egal ob auf der Höhe oder hier unten – überall ist Wald, überall singen Vögel und vor allem ist überall Wasser! Auch oben am Westwallweg, selbst an der Landstraße entlang. Das liegt an üppigen 1300 mm Niederschlag jährlich auf den Hochlagen der Schneifel, dem wasserstauenden Boden und den relativ sanften Gefällen. So nehmen die Torfmoose das Wasser auf und geben es langsam und stetig wieder ab. Nicht zuletzt an meine Ohren, die das Konzert aus den Stimmen des Wassers und der Vögel sichtlich genießen.

Ich atme tief ein und durchstreife das lichte Waldgebiet mit dem feuchten Boden auf klingenden Holzwegen und weich federnden Pfaden. Dieser besonders reizvolle Abschnitt des Weges ist bestimmt 500 Meter lang. Hinterher gelange ich links über einen zauberhaften Waldweg mit etlichen Bohlenwegen, Brücken und spannend gewachsenen Bäumen und über einen weiteren steil aufsteigenden Pfad (Teil des Matthiaswegs und des Moore-Pfads Schneifel) wieder etliche Höhenmeter hinauf zurück zum Schwarzen Mann. Den ich nun – ebenso wie den Tranchotstein – endlich finde und gebührend kennen lernen kann.

Im Winter ist das etwa 1,4 km von hier gelegene Blockhaus am Schwarzen Mann, umgeben von Abfahrtspisten, Langlaufloipen, einer Rodelbahn und Schleppliften, das Herz dieser Gegend. Und auch im Sommer bietet es Speis und Trank und ein offenes Kaminfeuer, Streichelzoo, Spielplatz und eine schöne Aussicht. Der immens große Wanderparkplatz 6 ist ein idealer Ausgangspunkt für etliche Wanderungen – sowohl auf gut ausgebauten breiten Wegen als auch auf schmalen, spannenden Pfaden. Wie auch am Parkplatz 7 oben am Tranchotstein befinden sich in einem Behälter neben der Übersichtskarte der Gegend Informationsblätter mit Wanderrouten und einer Karte der Umgebung. Der Schwarze Mann und ich sind noch nicht fertig miteinander. Es gibt noch so viel zu sehen! Der Dreiländerblick ist mir heute verwehrt geblieben. Und noch so vieles anderes. Und hier im Wald gibt es einen Trekking-Platz zum Zelten in freier Natur. Ich bin neugierig – und komme wieder…

 

Koordinaten:

Kettenkreuz: ca. 50°16’21.65″N, 6°22’53.49″E (am Schneifelpfad, Matthiasweg, Wanderweg 3 und 9)

Schwarzer Mann / Tranchotstein: 50°15’29″N, 6°21’37″E (am Moore-Pfad Schneifel)

Wanderwege:

Westwallweg, Matthiasweg, Moore-Pfad-Schneifel, Schneifel-Pfad (Muße-Pfad – Weg des Friedens), Wanderwege 1, 2, 3 und 9

Weitere Informationen:

www.ferienregion-pruem.de

https://www.naturwanderpark.eu/wanderwege/a-moore-pfad-schneifel (Premium-Wanderweg Moore-Pfad Schneifel)

Audio-Guide Westwallweg (zur Zeit in Überarbeitung): http://gwiw.bund-rlp.de/projekte/audioguide/

Eifel-Trekking: www.trekking-eifel.de

Literaturempfehlung:

Georg Müller: Wanderungen für die Seele, Droste Verlag 2016, ISBN 978-3-7700-1566-5

Kettenkreuz
Tranchotstein
Forstmeister-Jansen-Stein
Am Westwallweg
Im Eschfenn
Moore-Pfad Schneifel

Moore-Pfad Schneifel/Matthiasweg

Eine doppelte Entdeckung – das Kreuz im Wald

Keine andere Region steckt so voller mystischer Geschichten, die gern und gut gewürzt von den Einheimischen wiedergegeben werden. So führte eine Exkursion meiner Ferienhofbauern zum Blutkreuz im Wald südöstlich von Büdesheim, gar nicht weit von „meinem alten Waldhaus“ entfernt, in dem ich als Kind viele ausgiebige Urlaube verbrachte.

Um das Blutkreuz rankt sich eine – wie könnte es anders sein – blutige Geschichte: Eines Sonntags ging ein Jäger auf die Pirsch, tief in den Wald hinein. Unweit einer Quelle folgte er einem scheuen Reh, das verzweifelt vor ihm her sprang und schließlich hinter einem steinernen Kreuz Schutz suchte. Der Waidmann legte an und schoss, doch immer wieder verfehlte er sein Ziel. Blinde Wut wallte in ihm auf, und er legte erneut an und feuerte eiskalt auf das Kreuz. Der Schuss hallte im ganzen Wald wider – und drang tief in das Denkmal ein. Das Reh sprang fort, doch der kalte Stein begann aus seiner tiefen Wunde zu bluten. War das die Strafe dafür, dass er am Sonntag gejagt hatte? Erschrocken wandte der Jäger sich ab und hastete nach Hause. Kaum hatte er seine Stube betreten, fiel er tot zu Boden. Das Reh aber lebte noch lange und sprang froh durch den Wald. Man sagt, der Jäger folge ihm heute noch in dunklen Nächten durch den Wald am Blutkreuz.

Das spätgotische Nischenkreuz im Hundsbachtal wurde im 16. Jahrhundert errichtet und ist unter anderem über Route 3 der Prümer Land Touren (www.naturpark-eifel.de) oder Route 28 (www.ferienregion-pruem.de) zu erreichen. Ein schmaler Pfad durch den Wald führt zunächst zu einer Quelle und von dort zum Blutkreuz (50.202642N, 6.574016E). Nicht weit von dieser Stelle befinden sich ein „Drees“, eine kleine Kapelle und auf dem Apert ein „Eifel-Blick“ mit einer wunderbaren Aussicht. Davon soll ein anderes Mal die Rede sein.

Ich habe das Blutkreuz bereits drei Mal besucht – dachte ich. Doch als ich alte Fotos von 1976 durchschaute, die mein Vater, ein passionierter Fotograf, gemacht hatte, sah ich eine Abbildung von einem Steinkreuz, das mir sehr vertraut erschien. Schnell öffnete ich meine Bilddateien und zoomte, wie man das heute digital so schön machen kann, immer tiefer in das Bild hinein. Die Einschusslöcher in dem Kreuz sind auf beiden Bildern zu erkennen. Mein kleines Eifelherz lacht – ich war schon mit sechs Jahren an dem Kreuz, das mir erst kürzlich seine Geschichte erzählte.