Kleiner Ort mit großem Herzen –Schlausenbach

Tief ins Tal gekuschelt, im Schatten des Schwarzen Mannes und des Schneifel-Höhenzuges, wartet Schlausenbach darauf, entdeckt zu werden. Nicht viele Straßen führen hierher, und sie sind nicht besonders breit. Neugierig und etwas ratlos, was ich mir eigentlich anschauen möchte, habe ich mich auf den Weg hierher gemacht – auf eine Empfehlung hin, dass mir der Ort bestimmt gefallen wird, und dass er so viele spannende Geschichten zu erzählen hat. Eine Hinweistafel hierher hatte ich früher schon gesehen, oben, auf der Höhe, an dem Kreuz, von dem ich später noch erzählen werde. Und ich habe auch erfahren, dass es sich um einen Ortsteil von Auw bei Prüm handelt. So weit, so gut, nun bin ich auf dem Weg.

Vor dem ersten Haus des Dorfes begrüßt mich freundlich ein Schild, das auch Auskunft darüber gibt, dass Schlausenbach im oberen Ourtal liegt. Ja – weit ist es nicht mehr bis zur Grenze nach Belgien, die stellenweise dem Verlauf des hier noch sehr beschaulichen Flüsschens Our folgt. Doch in Schlausenbach ist ein anderes Gewässer maßgeblich: der Schlausenbach! Und vom Ortseingang ist es auch nicht weit bis zu diesem freundlichen Bächlein. Die schmale Straße schlängelt sich zwischen in paar Häusern hindurch – Querstraßen gibt es erst einmal keine – und schon ist er erreicht, der tiefe Wiesengrund, wo mich ein so malerischer Anblick erwartet, dass mir fast die Luft wegbleibt: Da ist er, der lieblich plätschernde Schlausenbach, den zwei Brücken – eine für mich und mein Auto und eine hübsche aus Holz zwischen Hecken hindurch für Fußgänger und Menschen mit einem weiten Herzen – mit Leichtigkeit überwinden. Gleich dahinter grüßen ein Kirchlein und ein stattliches, weiß leuchtendes Bushäuschen, das nicht nur nach Wartehalle, sondern auch nach Treffpunkt aussieht, und ein hübscher kleiner Brunnen davor und ein weitläufiger, idyllischer Spielplatz gleich nebenan. Als ich später nachlese, staune ich: Auch wenn sich das hier nach einem tiefen Tal anfühlt, so liegt es doch auf 534 m über NN. Erstmals erwähnt wurde der Ort mit 127 Einwohnern (Stand 2012) bereits im Jahr 1110, die kleine Saalkirche Sankt Eligius stammt aus dem Jahr 1658. Klein, aber oho, denke ich, und muss mich zusammennehmen, nicht anerkennend zu pfeifen.

Ein paar Vögel zwitschern, ansonsten ist es ganz still, und niemand ist zu sehen. Man könnte von einem Dornröschenschlaf sprechen, hätte es da nicht am 10. Juni 2003 ein besonderes Ereignis gegeben, dass das Dorf schlagartig ins Rampenlicht rückte. Und wie ein stummer Zeuge jenes Tages fällt mein Blick auf eine Bank mit Gedenktafel – dort, wo es jenseits des Schlausenbaches wieder aufwärts geht. Nun bin ich neugierig. Was war geschehen? Um 17:30 Uhr wurde es plötzlich dunkel, der Himmel öffnete sturzflutartig seine Schleusen, starker Wind kam auf, und ein Tornado der Stärke F2 brach plötzlich und unerwartet über das Dorf herein. (Meine Allgemeinbildung zu dieser Skalierung basiert zu meiner Schande zu weiten Teilen auf dem Konsum des Films „Twister“… – nur so viel sei gesagt: Die Skala endet bei 5.). Wenige Minuten später war nichts mehr so, wie es vorher war: Ein Gebäude war eingestürzt, 13 Dächer abgedeckt, insgesamt 30 Häuser beschädigt, 40 Hektar Wald zu Boden gerissen. 20 Menschen mussten Notunterkünfte beziehen, verletzt wurde jedoch niemand. Zeitweise war kein Kontakt zur Außenwelt möglich, da Bäume und Gebäudeteile, Wellblech und Siloplanen sowie ein umgestürzter Wohnwagen die Straßen blockierten. Teile des Dorfes mussten gesperrt werden, da Stromleitungen herabhingen. Feuerwehren, Polizei, RWE, THW, DRK und unzählige Ehrenamtler arbeiteten die ganze Nacht, um dafür zu sorgen, dass das Dorf wieder betreten werden durfte und konnte. Ich kann mir die Angst der Menschen gut vorstellen, die plötzliche Not, den Verlust des Daches über dem Kopf und der vertrauten Gegenstände. Ich kann ihre Verzweiflung fühlen, zum Greifen nah, wenn plötzlich nichts mehr so ist, wie es war. Ich denke an das, was mir in meinem Zuhause lieb und teuer ist und seufze. Was, wenn das zerstört und verloren wäre? Ich denke an die Schuttberge, die ich nach der Flut 2021 gesehen habe, bei denen man die persönlichen Gegenstände noch erkennen konnte, die doch für immer unbrauchbar geworden waren. Fotoalben, Bilder, Erinnerungen, Möbel, Hausrat … Ich schließe die Augen und schüttele den Kopf. Hier ist es zu schön, um zu lange darüber nachzudenken. So setze ich wieder einen Fuß vor den anderen, nun wieder bergauf, um das Dorf weiter zu erkunden.

Nur wenige Meter oberhalb entdecke ich etwas sehr Schönes, Friedliches: Einen frei zugänglichen Bibelgarten, an dessen Eingang eine Bank mit Tischchen zum Blick über das schöne Tal und die Gartenlandschaft einlädt, die verschiedene Bibelstellen und die Geschichte der Arche Noah versinnbildlicht. Sogar ein Regenbogen ist dort, der mir ein Lächeln auf das Gesicht zaubert. Neben dem zugehörigen Seminarhaus („Good Shepherd Eifel“) gibt es im Ort noch mehrere Ferienwohnungen und eine kleine Dorfkneipe, die – ganz anders als an vielen anderen Orten – tatsächlich immer noch aktiv und mit Leben gefüllt ist. Maria Scherberich führt das Gasthaus „Zum kühlen Grunde“ seit 1972 und hat damit ihre Eltern und Großeltern beerbt, die die Gaststätte 1938 eröffneten, als im Kesselsfenn die Westwalllager errichtet wurden. Hier ist auch heute noch täglich ab 10 Uhr geöffnet, nur freitags etwas später. Jeder Gast ist hier willkommen, und Fremdenzimmer gibt es auch. (Dass viele Gäste immer wieder den Weg hierher finden, spricht für sich…) Wer auch die frische Eifeler Landküche genießen möchte – regional, mit Liebe hausgemacht und reichlich – sollte am besten vorher anrufen, denn alles kommt frisch zubereitet auf den Tisch, gerne auch für Gruppen. So hält das kleine Dorf auch noch klassische Eifeler Gaumenfreuden mit Zeitreise-Charakter bereit, die einfach nur glücklich machen!

Und noch etwas gibt es über Schlausenbach zu berichten: Noch eine Geschichte, aber eine ganz alte, von der ein Gedenkkreuz oben auf dem Schneifelrücken unweit des Schwarzen Mannes in der Nähe des Wanderparkplatzes 5, an der Zufahrt nach Schlausenbach, erzählt:

Kätt, ein Mädchen aus Schlausenbach, muss mutig und unerschrocken und vielleicht ein wenig vorwitzig gewesen sein. Sie wettete mit den jungen Männern aus ihrem Dorf, sie werde des Nachts allein im Dunkeln zu einem düsteren Ort mitten im Wald laufen. Auf dem Weg hinauf auf den Grat überfiel sie die Angst. Hinter jedem Baum oder Strauch witterte sie Gefahr. Als die Dorfjungen übermütig als Gespenster verkleidet aus den Büschen sprangen, erschrak sie so sehr, dass sie tot zu Boden fiel. An dieser Stelle wurde später ein Kreuz für sie errichtet: das Kättchenkreuz – heute Kettenkreuz genannt.

„Kleiner Ort, ganz groß“ denke ich und laufe noch lange mit meiner Kamera durch das Dorf, betrete die kleine Kirche, lasse den Raum mit der flachen Kassettendecke und den barocken Elementen am Altar und an den Wänden auf mich wirken, überquere die Brücke ein paarmal zu oft, einfach, weil es so schön ist, und lasse mich schließlich auf der „Sturm-Bank“ nieder. Es gibt viel zu sagen über Schlausenbach – und außerdem ist es auch noch einfach schön!!!

Weiterführende Informationen:
https://www.pruem-aktuell.de/nextshopcms/show.asp?lang=de&e1=6&ssid=1&docid=2&newsid=57944
https://www.wochenspiegellive.de/eifelkreis-bitburg-pruem/artikel/zum-kuehlen-grunde
https://www.orange-7.de/wp-content/uploads/2023/12/o7_Pruem_Dez23_40S.pdf (Seite 21)