Von geheimnisvollen Steinen und Felsen – Burgruine Hartelstein bei Schwirzheim

Von weitem sichtbar überragt eine kugelförmige Kuppe das Örtchen Schwirzheim und weckt seit jeher meine Neugier. Was im Sommer als grüne „Haube“ erscheint, enthüllt im Winterhalbjahr Spannendes: Auf den hohen Felsen befindet sich eine von Bäumen und Sträuchern überwucherte geheimnisumwitterte, frei zugängliche Burgruine.

Die Prümer-Land-Route 3 führt direkt daran vorbei. Ich muss nur dem nach rechts abzweigenden Pfad folgen, um die Überreste einstiger Wehrhaftigkeit genauer in Augenschein nehmen zu können. „Naturdenkmal – Betreten auf eigene Gefahr“ erklärt das Schild an der gemütlichen Schutzhütte, und dann beginnt das Abenteuer, sowohl vom Weg aus, über den sich die Dolomitkuppe auf einer Strecke von 450 Metern umrunden lässt, als auch auf den Pfaden dazwischen.

Gleich zu Beginn offenbart sich in luftiger Höhe der „Ditzjeskeller“, ein ummauertes Loch, bei dem es sich um eine ehemalige Schießscharte handelt. Im Verlauf des Weges zweigen einige Stufen ab, die den trittsicheren Wanderer bergauf führen. Felsen und Mauerreste sind dabei so miteinander verschmolzen, dass es schwer ist, zu unterscheiden, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Der niedriger gelegene Teil des Weges schlängelt sich verwegen durch den Wald.

Der Schatz, der sich hier oben zwischen den Bäumen versteckt, ist die Burgruine Hartelstein nordöstlich von Schwirzheim. Bereits 943 n. Chr. befand sich hier eine zur Abtei Prüm gehörende Burg. Zu dieser Zeit verlief in unmittelbarer Nähe ein Handelsweg zwischen dem Kloster in Prüm und den Gebieten an Ahr und Rhein. Ihren Namen erhielt die Burg jedoch erst 1340, als Graf Hartard von Schönecken sie zu einer Festung ausbauen ließ, die sich über eine Fläche von 100 x 50 Metern erstreckte und (wie bescheiden) seinen Namen trug: Aus „Hartardstein“ wurde später im Sprachgebrauch „Hartelstein“. Aufgrund dieser Verbindung halten sich im Ort Gerüchte, dass von der Ruine unterirdische Gänge bis zur Burg Schönecken führen. Noch ein Rätsel, das die Spannung hier an diesem Ort erhöht! Und damit ist noch lange nicht Schluss! Die Liste der Geschichten um die Burg und ihren Hügel ist lang. So sollen die Herren von Schönberg, die im 16. Jahrhundert hier herrschten und Raubritter gewesen sein sollen, aufgrund ihrer Freundschaft zu den Herren der Kasselburg in Pelm veranlasst haben, eine Schneise oder Schlucht in einen Berg zu schlagen, um Sichtkontakt zu haben.

Der Legende nach existierte jedoch bereits lange zuvor auf diesem Berg ein „Götzentempel“. Der römische Statthalter Rictiovarus, der um 286 in Trier Christen verfolgte und auf dem Marsfeld ein Blutbad anrichtete, das die Mosel rot gefärbt haben soll, stammte anscheinend von der Schwirzheimer Burg. Zu seiner Zeit soll bereits ein unterirdischer Gang zum Büdesheimer Wald bestanden haben. Noch heute soll der römische Statthalter hier spuken. Es ist eine Geschichte eines Handwerksburschen überliefert, der in den Ruinen übernachtete und Musik hörte, wie von einem großen Fest, obwohl im Dorf alles ruhig war.

Die Mauerreste könnten viel erzählen. 1560 fielen die Holländer darüber her und plünderten die Burg. 1712 gelangte sie erneut in den Besitz der Abtei Prüm und verfiel im Laufe der Zeit. Anwohner nutzten sie als Steinbruch. 1940 stürzten die letzten Reste des Burgturms bei einem Gewitter ein.

Man kann sie sich vorstellen, die uralte Burg, nicht viel mehr als ein Bergfried oben auf der Kuppe, umgeben von einer hölzernen Palisade. Dann später, nach dem Ausbau zur Festung: Stolze Mauern und Türme hoch über den Felsen – so unwegsam und steil, dass kein Feind sie erklimmen konnte. Ein Wohnhaus, Ställe, ein separates Küchenhaus und eine Burgkapelle mit einem sanftmütigen Priester, der die Familie und das Gesinde betreute. Und am höchsten Punkt noch der alte Bergfried als stolzer Turm, der weit über das Land hinausragte.

Wie eng die Ortschaft nach wie vor mit ihrer Höhenburg verbunden ist, zeigt sich auch darin, dass im örtlichen Gasthaus ein „Dietzjeskeller“ eingerichtet ist, in dem man herrlich feiern kann. Die dort servierten „Häppchen“ erfreuen sich großer Beliebtheit.

Heute brauchen wir reichlich Phantasie, um uns die stolze Burg vorzustellen – nicht jedoch, um die abenteuerlich-romantische Schönheit dieser Landschaft aus Felsen und Mauerresten zu erspüren. Die Hütte und die davor stehende Bank laden zur entspannten Pause mit Picknick ein, mit Blick über die Felder auf die lieblichen, sich sanft hebenden und senkenden Hügel nördlich von Schwirzheim.

 

Weitere Informationen:
www.ferienregion-pruem.de
www.schwirzheim.de
http://www.kostisch.de/dietzjeskeller/

Parkgelegenheit: Schwirzheim, am Friedhof

Wanderempfehlung: Prümer Land Tour Route 3

Ein spannend gestalteter Geocache vor Ort „mit Geschichte“: https://www.geocaching.com/geocache/GC1MZDR

Literaturempfehlung: Alois Mayer: Sagenhaft & Wunderbar – Sagen und Erzählungen aus dem Altkreis Prüm (Veröffentlichungen des Geschichtsvereins Prümer Land, Band 59), www.gvpl.de

Im Wald auf dieser Dolomitkuppe hoch über Schwirzheim verbirgt sich die Ruine
Blick von der Burgruine ins Land hinein
An der Schutzhütte beginnt das Abenteuer; rechts der Weg, auf dem sich die Kuppe umrunden lässt.

Der Ditzjeskeller

Abenteuerlicher Waldpfad etwas unterhalb der Ruine

Der Wald öffnet sich
Pause mit Blick über die Felder nördlich der Burgruine

 

Von Wundern, Kunstschätzen und dem großen Staunen – die Sankt-Salvator-Basilika in Prüm

Die Geschichte der Sankt-Salvator-Basilika in Prüm lehrt uns, an Wunder zu glauben. Zwei Beispiele: Am Heiligen Abend 1945 war die Stadt durch den 2. Weltkrieg schwer zerstört. Der Winter war eisig und unbarmherzig, die Menschen müde, die Trümmer trostlos. Wie ein Hoffnungsschimmer ragte die von allen geliebte und verehrte Basilika aus den Schuttbergen hervor – voller Löcher und mit einer Holzbaracke im Kirchenschiff, aber immer noch intakt. Am 24. Dezember 1945 um 21 Uhr, eine Stunde vor der Christmette, durchbrach unheilvolles Grollen die Stille der Heiligen Nacht, gefolgt von einer riesigen Staubwolke. Mehrere Pfeiler hatten nachgegeben, der Dachstuhl über dem rechten Seitenschiff, Teile der Außenmauern und das Gewölbe des Langhauses waren zusammengestürzt und hatten die Holzbaracke im Kirchenschiff unter sich begraben. Eine Stunde später wären hunderte Menschen zu Tode gekommen. So schlimm es auch aussah, so war es doch ein Wunder, dass niemand Schaden nahm.
Ebenso eindrucksvoll: Die Flutkatastrophe im Juli 2021 überschwemmte in Prüm ganze Straßenzüge. Die Häuser standen teilweise bis zur Oberkante des Erdgeschosses unter Wasser. Doch vor der Basilika machten die Fluten Halt. Sie nahm keinen Schaden. Ein Lichtblick in der tiefen Verzweiflung dieses Sommers.

Weltlich gesehen könnte man sagen, dass die Erbauer den Platz umsichtig gewählt hatten, und das stimmt sicherlich auch. 721 n.Chr. gründete die fränkische Edle Bertrada die Ältere, die Urgroßmutter Karls des Großen, etwa dort, wo sich heute der Friedhof befindet, gemeinsam mit Ihrem Sohn Charibert von Mürlenbach das erste Kloster in Prüm. Die Mönche stammten aus dem Kloster Echternach und lebten nach den strengen Regeln des heiligen Columban. Dieses Stift gelangte noch nicht zu voller Blüte, so dass Pippin der Jüngere 752 das Kloster erneuerte. Er war mit Bertrada der Jüngeren (Enkelin der ursprünglichen Gründerin) verheiratet. Ihr ältester Sohn, der spätere Kaiser Karl der Große, war zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Jahre alt. Benediktinermönche aus Meaux bei Paris bezogen das neue Kloster. Ab 762 erhielt es in der Nähe der ehemaligen Tettenbachmündung in die Prüm deutlich größere neue Gebäude und eine Kirche, die nach Pippins Tod 768 von Karl dem Großen so reich mit Gold- und Silberschätzen ausgestattet wurde, dass sie „Goldene Kirche“ genannt wurde. Pippin selbst hatte neben vielen anderen Reliquien und Kunstschätzen Teile der Sandale Christi nach Prüm gebracht, ein Geschenk von Papst Zacharias, das für die Namensgebung der Kirche bis heute maßgeblich ist: Sankt Salvator (von lat. salvator = Heiland, Erlöser).

Die Basilika erhielt 1721 ihr heutiges barockes Gesicht. Sie wurde weitgehend neu gebaut, jedoch ist der heutige Nordturm identisch mit dem Südturm des Vorgängerbaus. Bei den jüngsten Sanierungsarbeiten 2018 wurden Teile des alten Mauerwerkes freigelegt und dauerhaft sichtbar gemacht. Unter anderem ist eine alte Bogenöffnung des Seitenschiffs erkennbar, ebenso zehn Stufen einer Spindeltreppe. Die mittelalterlichen Fundamente einer früheren romanischen Prümer Abteikirche aus dem 11. oder 12. Jahrhundert sowie Spuren der ehemaligen Abtsburg und eines Zeughauses sowie Reste eines Kalkofens wurden bei der Neugestaltung des Hahnplatzes ausgegraben. Fundstücke reichen bis in die Römerzeit zurück. Eine Bodenplatte aus Carrara-Marmor stammt möglicherweise noch von der ursprünglichen „Goldenen Kirche“.

Auch wenn man dies alles nicht weiß, lädt die Basilika bei jedem Besuch zum Schauen und Staunen ein und vermittelt mir wieder und wieder ein andächtiges Gefühl. Ich mag ihre Farben und wie sie in der Sonne leuchtet, den lichtdurchfluteten Innenraum und das „heilige Gefühl“, das ich bekomme, wann auch immer ich auch nur den Mittelgang entlang schaue! Prüm liegt im Talkessel, und von allen Seiten kann ich sehen, wie sich die Basilika freundlich strahlend über die umliegenden Häuser erhebt. Nach all den Jahren der stillen Verehrung habe ich nun endlich das Glück, sie von Prüms Stadtführerin Monika Rolef gezeigt zu bekommen, einer Zeitzeugin seit dem 2. Weltkrieg und sprudelnder Quell spannender Prümer Geschichte(n).

Wir betreten die Kirche durch eine mächtige hölzerne Flügeltür (schon die Türklinke gibt mir das Gefühl, plötzlich auf halbe Größe geschrumpft zu sein). Neben dem wuchtigen Portal sind zwei Statuen angebracht: Pippin der Jüngere (links) und Karl der Große (rechts). Wir treten ein. Linkerhand befindet sich die Kapelle für die Reliquien der heiligen drei Ärzte Marius, Adifax und Abacum. Im rechten Seitenschiff stellt eine Grablegungsgruppe die Trauer um Jesus nach dessen Tod dar. Sie stammt ursprünglich aus der Krypta der 1949 zerstörten Kalvarienbergkapelle. Damals explodierte im Berg gelagerte Munition, und erneut verschwand Prüm in einer Wolke aus Staub und Zerstörung. Die Sonne scheint auf die bunt leuchtenden Figuren, und die Trauer, die sie ausstrahlen, und ihre Schönheit treiben mir gleichermaßen die Tränen in die Augen. Ich bin dankbar, dass es sie noch gibt und dass sie hier einen derart würdigen Platz gefunden haben. Andächtig schreiten wir durch das Mittelschiff bis zum Altarraum. Die Sandalen Christi! An Feiertagen kann man sie bestaunen – und während der Prümer Kirmes. Völlig unvorbereitet stand ich 2019 bei einem meiner zahlreichen Besuche plötzlich vor dem geöffneten Schrein und starrte auf das alte Stück, das von so großer Bedeutung ist. Untersuchungen haben bestätigt, dass die Reliquie aus der Zeit Jesu und aus der Gegend um Jerusalem stammt. Sie wurde zu karolingischer oder merowingischer Zeit in einen Stoffschuh eingearbeitet. Neben ihrem neugotischen Schrein beeindruckt der barocke Hochaltar aus dem Jahr 1727 sowie das Hochgrab des Kaisers Lothar I., eines Enkels Karls des Großen, rechts neben dem Hochaltar, flankiert von einer Padiglione (Basilikaschirm) mit dem Prümer Wappen. Zwei Gemälde von Januarius Zick zeigen die Klostergründung und die Einweihung der Klosterkirche 799 unter Anwesenheit Karls des Großen und des Papstes Leo III. Beim Betrachten des Chorgestühls aus Eichenholz stockt mir fast der Atem. Zu fein und gleichzeitig gewaltig sind die geschnitzten Figuren – eine andere an jedem Stuhl! Es wurde 1731 als erste neu geschaffene Einrichtung in die neu erbaute Kirche gestellt und kann ebenfalls unglaubliche Geschichten erzählen. So konnte es 1802 trotz eines Verkaufs an einen Privatmann an Ort und Stelle verbleiben und überstand den 2. Weltkrieg unbeschadet, da es bereits 1940 eingemauert worden war. Beim Einsturz 1945 hatte es sich noch in Sicherheit befunden. Voller Ehrfurcht streiche ich mit der Hand über das dunkle Holz und setze mich andächtig und sehr vorsichtig darauf. Und schaue nach oben, denn da gibt es noch mehr zu sehen! Gleich oberhalb dieses Kunstschatzes befindet sich ein 50 Quadratmeter großer Chorteppich, der 1895 von Franz Wirth entworfen und 1908-1918 von 30 Frauen des Prümer Paramentenvereins bestickt wurde. Er zeigt die Erschaffung der Welt. Ich verliere mich in der Betrachtung der 1000 Einzelheiten und Szenen, die in diesem Teppich verwoben sind.

Wohin wir auch schauen – jede Kleinigkeit in dieser Basilika lädt zum Staunen ein und erzählt Geschichten. Allen voran ein kleiner Barockengel mit Pfeil und Bogen am Hochaltar. Er erzählt die Geschichte von „Nithards Pfeil“ – womit wir wieder beim Thema „Wunder“ wären: Um 882 beschlossen der fromme, wohlhabende Ritter Nithard und seine Frau Erkanfrida, ihr Vermögen einem Kloster zu hinterlassen, da sie kinderlos waren. Sie lebten in den französischen Ardennen, wo es viele Klöster gab, konnten sich jedoch nicht entscheiden und baten einen Priester um Rat, der ihnen vorschlug, Gott selbst bestimmen zu lassen. So veranstalteten sie ein großes Fest. Zum Abschluss bestieg das Paar mit seinen Gästen einen nahe gelegenen Berg. Vor all diesen Zeugen schoss Nithard kraftvoll einen Pfeil mit einer Schenkungsurkunde in den Himmel. Die Wolken schienen sich aufzutun, und eine lichtumflutete Gestalt ergriff den Pfeil und trug ihn davon. Abt Ansbald las derweil in Prüm die Messe, als plötzlich ein mild leuchtender Engel erschien und begleitet von himmlischen Klängen den Pfeil mit der Urkunde auf dem Altar niederlegte. So gelangte die Abtei Prüm in den Genuss der reichen Erbschaft, und das Gedächtnis der frommen Eheleute wurde für lange Zeit jährlich am 30. April gefeiert.

Ich stehe vor der ehrfurchtgebietenden Basilika, betrachte andächtig die anmutige Fassade und lausche gespannt den Geschichten. Da erscheint es fast schon selbstverständlich, dass auch der Jakobspilgerweg mitten durch Prüm führt. Und gerade jetzt, in der Weihnachtszeit, eingehüllt in Licht und Sterne, strahlt sie noch einmal doppelt so schön. Niemand kann sich ihrem Zauber entziehen. Möge sie noch lange glänzen, die Basilika St. Salvator!

 

Weitere Informationen:
www.ferienregion-pruem.de
https://susanne-wingels.de/pruem-und-die-sache-mit-den-karolingern

Führungen:
 buchbar bei der Katholischen Kirchengemeinde – Pfarrbüro, Hahnplatz 17, 54595 Prüm, Tel. 06551/147460, E-Mail:
info@pfarreiengemeinschaft-pruem.de, www.pfarreiengemeinschaft-pruem.de

Quellen:
Geschichtsverein Prümer Land/Alois Mayer: „Sagenhaft & Wunderbar – Sagen und Erzählungen aus dem Altkreis Prüm“, 1. Auflage 2010 (www.gvpl.de)
Monika Rolef: „Das neue Prüm – Chronik einer Stadt, Erster Band 1945-1975“, 1. Auflage 2020
Monika Rolef: „Prüm und die Karolinger“ / „Der große Chorteppich in der Sankt Salvator Basilika zu Prüm“ / „Das Chorgestühl in der Sankt Salvator Basilika in Prüm“
TI Prüm: „Karolingerstadt Prüm“ / „Basilika St. Salvator“(Broschüren)

Prüm mit Basilika und Abtei, im Hintergrund der Kalvarienberg

Die Grablegungsgruppe

Der barocke Hochaltar
Die Sandalen Christi
Das Grab Kaiser Lothars I., links die Padiglione
Das Chorgestühl

Der 50 m² große Chorteppich
Spuren des alten Turms

Nithards Pfeil
Advent in der Sternenstadt Prüm
(Foto: Tourist-Information Prümer Land, Sebastian Wiesen)
Advent in der Sternenstadt Prüm
(Foto: Tourist-Information Prümer Land, Sebastian Wiesen)

Abenteuer Waxweiler: Von römischen Resten, fabelhaften Funden und hilfreichen Hinweisen

Im Devonium

An einem Abreisetag im November 2019 befinde ich mich auf dem Weg von Schönecken nach Waxweiler förmlich über den Wolken. Im Tal liegt malerischer Nebel, hier oben auf den Höhen strahlt die Sonne auf mich herab, als wollte sich die Eifel noch einmal von ihrer allerbesten Seite zeigen. Und diese allerbeste Seite zeigt sie mir an diesem Tag in vielfältiger Weise.

Viel zu spät bin ich losgefahren – der Kaffee war einfach zu gut! Und ich weiß, meine Planung für Waxweiler ist eigentlich schon dahin, weil ich viel zu spät dort ankomme. Ich möchte zur Touristen-Information, denn dort liegt auch der Eingang zum Devonium und zu der Ausstellung der Fundstücke aus einer alten Römervilla, und um 12 Uhr ist Mittagspause. Aber ein Plan ist ein Plan, und so fahre ich tapfer weiter, überwältigt von der Schönheit des Lichts, das der Tag mir zu bieten hat. Und ohne eine Möglichkeit, mit Anstand zu stoppen und diese Schönheit fotografisch festzuhalten, denn die Straße ist schmal und kurvig und die Straßenränder matschig und tief. Ich befinde mich über den Wolken, im strahlenden Licht der Sonne, während unter mir die Täler im watteweißen Nebel verschwinden.

Tapfer betrete ich das „Haus des Gastes“, schon darauf gefasst, wegen der Kürze der Zeit zu Recht abgewiesen zu werden. Doch ich habe die Rechnung ohne „meine“ Eifeler Menschen gemacht. Die Touristikerin macht mir einen guten, pragmatischen und überaus netten Lösungsvorschlag, und kurz darauf betrete ich den kleinen Raum, der die Ausstellung zur Römerzeit beinhaltet. Und staune!

An anderen Orten wird großes Aufhebens um Funde aus der Römerzeit gemacht, hier in „Waleswilere“ (so der Name aus der Römerzeit) präsentieren sie sich in handfester Anschaulichkeit, nämlich im wahrsten Sinne des Wortes zum Anfassen. Neben Modellen und Vitrinen mit Münzen und Original-Fundstücken (die zum Teil auch auf die Steinzeit und die Kelten zurückgehen, größtenteils jedoch aus der Römerzeit stammen) finden sich auf einem Tisch sowohl Infomaterialien als auch echte Scherben und Dachpfannen, die Geschichte so hautnah erfahrbar machen, dass mir die Luft wegbleibt. Ich erkundige mich nach dem Fundort und erhalte eine präzise Wegbeschreibung zur Römervilla und zur Nachbildung einer Mauer am Ortsausgang Richtung Lünebach.

Doch zunächst gilt meine Aufmerksamkeit dem Devonium, das wieder einen ganz anderen Aspekt der Eifeler Geschichte beleuchtet: Hier geht es um die Erdgeschichte an sich, um die Entwicklung des Lebens auf der Erde und um Funde aus dem nahegelegenen Steinbruch, die all dies fabelhaft sichtbar machen! Es handelt sich um „400 Millionen Jahre alte Fossilien, die uns einen Rückblick in die Welt des Devons ermöglichen“ (Zitat aus der Ausstellung). Hier in Waxweiler mündete zu dieser Zeit bei tropischem Klima ein Fluss in das Urmeer und bildete ein großes Delta, vergleichbar mit dem heutigen Orinoco-Delta. Sand- und Tongestein wurden als Sedimentschichten im Flussdelta abgelagert und konservierten dabei Reste der damaligen Tier- und Pflanzenwelt. In der interaktiven, modernen Ausstellung bestaune ich Funde und Modelle, die Entwicklungen (be)greifbar machen, die wir uns sonst nur schwer vorstellen können. Muscheln, Ringelwürmer, Panzerspinnen, Gliedertiere und Skorpione, Quastenflosser und erste Fische sind deutlich im Gestein zu erkennen, ebenso Algen, Pilze, Farne, Schachtelhalme, Bärlappgewächse und erste Spuren von Würmern. Das Leben fand seinen Weg aus dem Wasser an Land. Hier können wir erfahren, was das bedeutete und welche Strategien für alle Lebewesen nötig waren, um mit den geänderten Bedingungen (UV-Strahlung, Austrocknung, Schwerkraft) fertig zu werden. Neue Arten wurden hier im Steinbruch in Waxweiler entdeckt und tragen die Namen der hiesigen Entdecker. Sehr eindrucksvoll ist auch die Abbildung der bisherigen Erdgeschichte auf einen Zeitstrahl, der ein Jahr darstellt. Das Devon liegt hier im Übergang zwischen November und Dezember.

Sprachlos vor Staunen mache ich mich schließlich auf den Weg, um die Überreste der echten Römervilla zu entdecken. Ich biege zu früh ab und lande prompt auf einem Wendehammer in einem Neubaugebiet. „Sie sehen so aus, als hätten Sie sich verfahren!“ spricht mich ein freundlicher Eifelmensch pragmatisch an. Doch seine kleine Tochter weiß Rat. Sie weiß, wo die Römervilla ist, und beschreibt den Weg so anschaulich („Du musst immer nach oben fahren!“), dass ich ihn auf Anhieb finde. Wie gerne würde ich mich dafür heute noch einmal bedanken!!!

Mitten zwischen Neubauten, kurz vor einem weiteren Wendehammer, sind auf der rechten Straßenseite Mauerreste erhalten, überdacht und restauriert. Ein Keller, ein Brunnen – alles ist frei zugänglich, zum Sehen, Begehen und Anfassen. Und zum Staunen natürlich!

Die Eifeler haben eine Weise, die spektakulären, einzigartigen Schätze ihrer Heimat ganz selbstverständlich jedem frei zugänglich zu präsentieren, die einfach glücklich macht! So husche ich noch flink zum Ortsausgang Richtung Lünebach und erfreue mich an einem rekonstruierten Stück Stadtmauer. Später am Tag muss ich die Eifel mal wieder verlassen. Doch noch bin ich hier und genieße Landschaft, Sehenswürdigkeiten und Menschen in vollen Zügen, tauche ein in alte Zeiten, ohne den Blick auf das Hier und Jetzt zu verlieren. Denn hier ist das kein Gegensatz. Waxweiler/Waleswilere – ich komme wieder!!!

Weitere Infos:
Devonium Waxweiler (Haus des Gastes), Hauptstraße 28, 54649 Waxweiler, Anmeldung für Gruppen: 06554/811,
www.waxweiler.com/devonium (Eintritt 2,50 €/Erw., 2 €/Kind, geöffnet Mo, Di und Fr 9-12 Uhr, 13.30-16.30 Uhr, Do 9-12 Uhr, Sa 10-12 Uhr)

Geocache zur römischen Villa: https://www.geocaching.com/geocache/GC4CA5J

Novembermorgen

Das kleine Römermuseum

Eindrucksvoller Fund
Im Inneren des Devoniums

Die Römervilla am Hüttenberg
Kellermauer

Rekonstruktion der Kellermauer am Ortsausgang Richtung Lünebach

 

 

Von Ringen und Steinen – auf den Spuren der Kelten unterwegs (Keltenring Prüm)

Warum mich die Kelten so faszinieren? Vielleicht, weil sie für uns nicht so greifbar sind wie die Römer und alles, was in der Geschichte nach ihnen kam. Vor 30 Jahren stand ich in England vor den Steinen von Stonehenge, umringt von Touristen und durch Zäune fern gehalten, und wartete vergeblich darauf, etwas Magisches zu verspüren. In der Eifel ist das anders. In der Eifel begegnet man den Spuren der Kelten unmittelbar. Ihre Hinterlassenschaften sind nur teilweise offensichtlich erkennbar, und gerade das schafft diese faszinierende Brücke zwischen dem, was wir heute wissen und erleben, und der Welt der Sagen und Mythen.

An vielen Orten gibt es Keltenringe und Steine. Für mich von meiner Eifel-Unterkunft aus praktisch nur einen Steinwurf entfernt: die Kelten-Fliehburg in der Schönecker Schweiz, der Langstein in Wallersheim und die Keltenringe in Weinsheim und Prüm.

Anfang November 2019 mache ich mich auf, den Keltenring in Prüm zu erkunden. Auf der Wanderkarte (siehe Empfehlung unten) ist der Keltenring deutlich zu erkennen. Wer der Prümer-Land-Tour-Route 1 folgt, kann ihn nicht verfehlen. Aber wie üblich folge ich meiner eigenen Wegführung und mache dadurch auch meine ganz eigenen Erfahrungen! Ich parke am Ende der Straße „Pferdemarkt“, die sich geradeaus als breiter bequemer Wanderweg fortsetzt. Es geht stetig bergauf, links grüßt steil aufwärts ein vorwiegend aus Nadelbäumen bestehender Wald, rechts fällt der Hang, von Laubbäumen besiedelt, tief zur Prüm hin ab. Ganz oben angekommen, raste ich erst einmal in einer gemütlichen Schutzhütte mit Blick auf das harmonische Grün und die bunten Farben des Herbstwaldes. Von hier zweigen sternförmig Wege ab, und ich habe die Wahl: Der Keltenring lässt sich von oben oder von unten erfahren, und ich wähle den oberen Weg, der im spitzen Winkel direkt links von der Route, über die ich gekommen bin, über die Höhe führt. (Halblinks bergab wäre alternativ die Prümer-Land-Route 1 weitergegangen, die dann linkerhand zu der später beschriebenen Info-Tafel führt. Hier befindet sich auch ein Hinweisschild zum Naturdenkmal „Alte Tannen“ – schon wieder ein Plan für die Zukunft, die muss ich kennenlernen!) Genug der Wegbeschreibungen!

Auf dem recht breiten und bequemen Wanderweg über die Höhe, der links und rechts von dichtem Wald gesäumt ist, lässt sich der Ring in Form von zwei Wällen erahnen, die der Weg sanft überwindet. Dies ist hier oben der einzige Hinweis auf das Vergangene. Auf dem zweiten Wall schlage ich mich rechts in die Büsche und folge einem kaum sichtbaren Pfad, der mich im Halbkreis über den alten Wall durch ein fast unberührtes Waldstück führt. Ich wandele im wahrsten Sinne des Wortes auf den Spuren der Kelten! Rechts von mir raschelt es. Wenn jetzt direkt vor mir ein Reh auftauchen würde, wäre das keine Überraschung. Oder ein Wildschwein. Ich schaue mich um. Weit und breit keine Spur menschlichen Lebens. Was ich eigentlich sehr mag. Wie oft hier wohl jemand läuft? Bestimmt nicht täglich. Einmal in der Woche? Im Monat? Es ist wunderschön und ein ganz kleines bisschen gruselig. Was, wenn wirklich ein Wildschwein käme oder ich stolpern und mir die Beine brechen würde? Ich atme tief durch. Es riecht so gut nach Bäumen, Pilzen und Moos. Verwunschen sieht es aus. Reichlich Platz für Elfen und Zwerge und für mich mit meinen Gedanken. Ich kann gar nicht anders als diesem wunderbaren Pfad weiter zu folgen und den Wald zu erkunden. Das Wort „Traumpfad“ würde passen, und vielleicht ist es genau das, was die Menschen in Australien auch machen: Dem Herzen folgen. Interessanterweise gibt es auch in der Eifel eine ganze Reihe von sogenannten „Traumpfaden“. Zufall? Egal, das hier fühlt sich gut an.

Nach einem perfekten Viertelkreis über den Wall erreicht der Pfad die Oberkante einer aus Steinen aufgeschichteten und oben und seitlich mit Holz verstärkten Befestigung, die ich ausgiebig erkunde. Doch ich muss einem Pfad bergab zum tiefergelegenen parallelen Wanderweg (Prümer-Land-Tour 1) folgen, um die Infotafel zu lesen. Am Wegrand finde ich wunderschöne Pilze, die ich erst einmal ausgiebig fotografieren muss. Gut, dass mich keiner sieht, wie ich da auf dem Waldboden hocke und liege und krieche, um sie schön aufs Bild zu bekommen. Es entstehen Fotos vom Herbstwald und all seinem Leben und all seinen Farben, die zu Sinnsprüchen einladen: „Wenn du nicht weißt, wohin dein Weg führt, genieße die Farben am Wegrand“ poste ich am 16. November 2019 auf Facebook, begleitet von einem dieser Herbstwaldfotos, denn zum Zeitpunkt der Wanderung weiß ich gerade seit ein paar Tagen, dass ich meine Arbeitsstelle wechseln muss und dass vor mir eine lange schwierige Zeit der Suche und der Ungewissheit liegt. Da kommen mir Farben, Moos, Pilze und die Kelten gerade Recht.

Irgendwann ist es dann doch Zeit für die Infotafel, die mir auf einer Abbildung einen Eindruck der Größe und Bauweise der früheren Anlage vermittelt und natürlich noch mehr. So diente der Burgring vermutlich als Stützpunkt und Machtsymbol – übrigens später noch einmal im Mittelalter, auch wenn es dann natürlich nicht mehr die Kelten waren, die ihn bewohnten. Er wurde mit neueren Aufbauten vermutlich als Fluchtburg genutzt. Das rekonstruierte Tor der Keltenburg, das ich gerade bestaunt hatte, basiert auf Ausgrabungen aus dem Jahr 1974. Die ursprüngliche Anlage wird in die sogenannte Latèneperiode datiert und dürfte in der Eisenzeit etwa zwischen 500 und 100 vor Christus genutzt worden sein – ähnlich wie ihre „Schwester“ im Altburgtal der Schönecker Schweiz, die ich früher im Jahr bereits gesucht und schließlich auch gefunden hatte. Besucht habe ich auch den Langstein in Wallersheim, doch davon soll später einmal die Rede sein. Ich kann mich nicht überwinden, dem „geraden Weg“ der Route 1 zu folgen, und so klettere ich wieder hinauf auf die Höhe des Walls, bewundere noch einmal das rekonstruierte Tor, spähe in die Tiefe wie die Verteidiger vor über 2000 Jahren, rieche und spüre den feuchten bunten Wald um mich herum und genieße den federnden Boden unter meinen Füßen. Immer wieder spähe ich links und rechts, denn ich kann die Tiere ringsum hören und spüren, aber ich sehe nichts.

Der breite Wanderweg, der mich am Ausgangspunkt dieses abenteuerlichen Pfades erwartet, erscheint profan und unromantisch. So bin ich nur ein winziges bisschen erleichtert, weder mit gebrochenen Knochen noch vom Wildschwein erlegt vor der Welt verborgen auf dem Pfad zu dahin zu scheiden, und tief in mir kratzt die Enttäuschung, weil wieder alles so normal ist. Ich bin wieder im Heute. Irgendwie schade. Vielleicht blinzelt ja irgendwo hinter mir noch ein Kelte um die Ecke. Oder ein Zwerg, eine Elfe, ein heimliches Eifelwesen… Wer weiß.

Viel zu schnell erreiche ich bergab den Tannenweg und das Post-Feriendorf. Es erwartet mich ein fröhlicher Abend. Aber das weiß ich in diesem Moment noch nicht…

Quellen, Links und Empfehlungen:
www.ferienregion-pruem.de
Wanderkarte Nr. 17 (Prümer Land) des Eifelvereins, ISBN 978-3-944-620-00-8
https://www.eifelverein.de/index.php/verlag/buecher-und-karten/wanderkarten/254-pruemer-land-nr-17

Keltenring Prüm:
https://kulturdb.de/einobjekt.php?id=23877, Wanderwege: Prümer Land-Tour Route 1
Parkgelegenheit: Am Postferiendorf (Straße „Pferdemarkt“ bis zum Ende durchfahren, am Straßenrand parken.)
Länge der von mir geschilderten Route: ca. 2,2 km

Kelten-Fliehburg Schönecken:
https://kulturdb.de/einobjekt.php?id=2416, Örtlicher Rundwege 1
weitere Empfehlungen:
https://susanne-wingels.de/schoenecker-schweiz-auf-der-jagd-nach-der-felsenburg

Oben angekommen! Hier biege ich scharf links ab (im spitzen Winkel, dem grünen Schild folgend). Die Prümer-Land-Tour 1 setzt sich nach links bergab und dann wieder links fort (auf diese Weise gelangt man automatisch zur Infotafel).
Links bergab ginge es zu diesem Naturdenkmal. Die Prümer-Land-Tour 1 folgt zunächst dieser Strecke.
Auf dem Weg ist der Wall deutlich erkennbar.
Das Abenteuer beginnt!

Rekonstruierte Toranlage der Keltenburg (Oberkante). Links der Pfad hinab zur Info-Tafel.

Rekonstruierte Toranlage der Keltenburg
„Wenn du nicht weißt, wohin dein Weg führt, genieße die Farben am Wegrand“

Auf dem Heimweg

Kalvarienberg – von einem Berg, einer Explosion und dem, was heute ist

Der Kalvarienberg thront über Prüm. In der Mitte erkennt man deutlich die fehlende Kuppe.

Ich folge der Kalvarienbergstraße in Prüm bergauf bis zu ihrem Ende und gelange an einen kleinen Wanderparkplatz, bevor Absperrpfosten den Weg nur noch für Fußgänger freigeben, hinauf in idyllisches Grün. Ich befinde mich auf dem alten Kreuzweg – und wandele auf den Spuren einer der größten Nachkriegs-Katastrophen.

Schon von weitem lässt sich erkennen, dass der Kalvarienberg, der über der Silhouette der Stadt thront, fast genau am Gipfel eine „Delle“ aufweist. Steht man davor, sieht man einen riesigen, dicht bewachsenen Krater (190×90 Meter groß und etwa 25 Meter tief). Kleine Pfade führen von mehreren Seiten steil bergab hinein – heute vor allem für Kinder ein großes Abenteuer, denn gut zu Fuß sollte man schon sein, bevor man diese Wege einschlägt.

Was war geschehen? Nach dem 2. Weltkrieg lag Prüm in Trümmern. Der Einsturz der Basilika am Heiligen Abend 1945 (davon wird in einem anderen Beitrag die Rede sein) gab der Bevölkerung fast den Rest. Erst nach der Währungsreform 1948 ging es bergauf, und die Stadt wurde mit einem riesigen Kraftakt wieder aufgebaut. Die französischen Besatzer ließen seit Kriegsende sämtliche Munition sammeln und in einen Bereitschaftsbunker bringen, der unter Hitler in Form von zwei Stollen unterhalb der Kuppe des Kalvarienbergs angelegt worden war. Zudem warteten hier etwa 500 Tonnen Sprengstoff darauf, die Westwallbefestigungen zu sprengen.

Am Abend eines schwülen Sommertages, des 15. Juli 1949 (ein Freitag), machte sich um 18.45 Uhr der Gendarmeriechef auf den Weg zum Kalvarienberg, nachdem eine Rauchsäule über dem Berg gemeldet worden war. Schnell wurde deutlich, dass auch die Feuerwehr nichts mehr ausrichten konnte. Der Landrat ließ die Stadt Prüm räumen. Innerhalb von einer Stunde hatten 2.700 Menschen ihre Heimat verlassen, die meisten zu Fuß und nur mit dem, was sie tragen konnten, die Alten sowie Frauen und Kinder mit einem letzten Zug Richtung Gerolstein. Manche suchten in ihren Kellern Schutz.

Zwischen 20.22 und 20.23 Uhr hob unter einem dunklen Donnergrollen die Bergspitze ab, fiel wieder zurück, und nach einer weiteren Explosion und mehreren Erschütterungen erschien ein riesiger Feuer- und Rauchpilz über dem Berg. 250.000 m³ rote Erde, Sand, Gesteinsbrocken und Staub flogen durch die Luft, rollten in einer Lawine zu Tal und deckten 96 Hektar Land zu. Die Erschütterung war bis Aachen zu spüren und wurde selbst im entfernten Basel noch als Erdbeben aufgezeichnet. Nach der heftigen Druckwelle und dem Bombardement durch Steine und Schutt lag die Stadt Prüm erneut in Trümmern: 76 Häuser (mit 131 Wohnungen) wurden völlig zerstört, 161 stark beschädigt, 965 Menschen obdachlos, 60 Personen wurden verletzt und 12 starben – darunter Gendarmeriemeister Max Oberg und das Prümer Original Katharina Zimmer (Zömmisch Kätchen), das wie durch ein Wunder den Krieg im Keller des gesprengten Bischöflichen Konvikts überlebt hatte und nun wie in der eigenen Prophezeiung mit den anderen Opfern der Explosionskatastrophe mit einer großen Trauerfeier am 20. Juli 1949 durch den Bischof beigesetzt wurde. Ihr Grab und der Gedenkstein für die durch die Detonation Verstorbenen finden sich heute noch auf dem Friedhof.

Im Hier und Jetzt, vor meinen Augen und unter meinen Füßen, ist der Kalvarienberg ein stiller, friedlicher Ort. Die zerstörte Kalvarienbergkapelle wurde an einem anderen Standort nachgebaut. Sie bietet einen malerischen Blick über die Stadt Prüm hinweg bis zur Basilika und zur gegenüberliegenden Anhöhe. Ich raste auf einer Bank, hinter mir Gras, Wald und Löwenzahn – Grün, soweit das Auge reicht – und genieße den Anblick. Nach einer Weile betrete ich die Kapelle und zünde eine Kerze an. Der benachbarte Bestattungswald und der frisch benannte „Dechant-Josef-Zilliken-Weg“ im Gedenken an den aufrechten Pfarrer, der Opfer der Nationalsozialisten wurde, verstärken den tiefen Frieden. So schön und so idyllisch. Die Vögel singen. Ich stapfe bergauf bis zum Rand des Kraters, bewundere den neuen Kreuzweg (von dem ursprünglichen ist nur die 3. Station an der Kreuzung zur Straße „Am Ölberg“ erhalten – siehe Foto), schaue durch das Gestrüpp in die Tiefe und auf das jenseits des „Lochs“ liegende Gedenkkreuz. Dieses Loch ist groß, tief, eindrucksvoll und von einer schrecklichen, gewaltigen Wucht geschaffen worden. Doch seit 2020 gibt es dort trotzdem auch etwas zu lächeln, denn nun sind sechs Ziegen von Mai bis Oktober im Krater damit beschäftigt, den Bewuchs „in Schach zu halten“. Der Bereich ist eingezäunt, kann aber über drei Zugänge betreten werden (bitte nicht füttern!).

Auf dem Schneifel-Pfad und dem Jakobsweg umrunde ich die tiefe Senke und schaue nun von der anderen Seite, in der Nähe des Krankenhauses, hinab und hinüber. Hier finde ich die Gedenkstätte für die Kreuzkapelle mit Nachbildungen der sogenannten „Holtermänner“ – Figuren des Nicodemus und des Joseph von Arimathäa, die aus den Trümmern geborgen werden konnten und sich heute in der Basilika befinden. Das weithin sichtbare „Hohe Kreuz“, das ich schon von der anderen Seite erblickt hatte, trägt am Fuß die Inschrift „Zur Erinnerung an die Explosionskatastrophe am 15.7.1949 – Diene der Versöhnung und dem Frieden“. Ich atme tief durch und denke an die Opfer und das Leid, das an diesem Tag geschah.

Ein idyllischer Pfad führt durch den Wald im Sonnenschein hinab zurück zur Kapelle und zu dem kleinen Parkplatz, auf dem mein Auto auf mich wartet, als unverrückbarer Beweis der Gegenwart. Ein leichter Wind weht. In den Zweigen über mir zwitschert ein Vogel, und die Basilika leuchtet mir sauber und farbenfroh aus dem Tal entgegen.

Doch das, was ich hier erfahren, gesehen, gelesen und auf diese Weise fast hautnah erlebt habe, werde ich nie vergessen! Der 15. Juli 1949 wird heute noch von den Prümern der „schwarze Freitag“ genannt.

 

Buchempfehlungen / Quellen:
Monika Rolef (Hg.), „Das neue Prüm – Chronik einer Stadt – 1945-1975, erster Band“, Prüm, Dezember 2020;
Broschüre „Kalvarienberg Prüm, Kapelle Unserer Lieben Frau“, Verein Kalvarienbergkapelle Prüm, 2. Erweiterte Auflage 2006

Weitere Empfehlung: Stadtführungen von Zeitzeugen, u.a. Monika Rolef, buchbar über die Tourist-Information Prümer Land, www.ferienregion-pruem.de

https://www.volksfreund.de/region/bitburg-pruem/ziegen-als-landschaftsgaertner-maeh-arbeiten-am-kalvarienberg_aid-50488431

Wanderwege: Jakobsweg, Schneifel-Pfad, Prümer-Land-Tour Route 1, Prüm-Rundwege 8 und 9

Der Weg hinauf zur neuen Kalvarienbergkapelle und zum Krater
Explosionskatastrophe am 15. Juli 1949 (Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Monika Rolef)
Wie ein Wunder: Station 3 des Kreuzweges an der Kreuzung Kalvarienbergstraße / Am Ölberg (Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Monika Rolef)

Die neue Kalvarienbergkapelle

Aussicht von der Kalvarienbergkapelle
Blick auf die Basilika

Der neue Kreuzweg, Station 2
Kraterrand von Süden mit Treppe hinab; gegenüber das Hohe Kreuz

Das hohe Kreuz in der Nähe des Krankenhauses

Der nordliche Kraterrand am Hohen Kreuz
Blick vom nördlichen Kraterrand zur Treppe am südlichen Kraterrand
Kreuzkapelle mit Abbildung der beiden „Holtermänner“
Der Rückweg

Grabmal und Gedenkstein für die Opfer

Burg Schönecken – ein schöner Flecken

Das erste Mal erblickte ich sie 2008: die majestätische Burgruine hoch über dem „Burgflecken“ Schönecken. Damals und viele weitere Male zuckelte der Traktor meiner Ferienhofbauern kraftvoll und zugleich gemächlich die Steigung hinauf, um mir und meinen Miturlaubern einen Besuch des Burggeländes und den atemberaubenden Ausblick zu ermöglichen.

Im Mai dieses Jahres nun mache ich mich auf eigene Faust auf den Weg – froh, die Burg nach langer Renovierungszeit endlich wieder unverhüllt anschauen zu dürfen. Da ich an dem Tag etwas fußlahm bin, wähle ich einen Höhenweg, der am Rammenfeld beginnt, und erreiche die Burg nach einer gemütlichen Wanderung von etwa 700 Metern ohne große Steigungen, vorbei an ins Tal abfallenden Wiesen, Felsen und einem kleinen Wäldchen. Bereits auf dem Weg bieten sich atemberaubende Ausblicke. Zudem liegt unweit des Weges auf einer Wiese ein Pavillon, für den ich unbedingt einen Schlenker in einen anderen Pfad hinein wagen muss, weil er so hübsch und einladend aussieht. Hier gibt es einen spannenden Geocache (leider nur für Premium-Cacher), mehrere Bänke und einen grandiosen Blick über Schönecken. Was mag sich in der Vergangenheit hier abgespielt haben? Sicherlich keine GPS-gestützte Schatzsuche, sondern vielleicht Belagerungen, Kämpfe, lustwandelnde Damen und möglicherweise die eine oder andere Liebeserklärung im Angesicht der schönen Aussicht?

Grundsätzlich können wir die Burg von drei Seiten „erobern“: Gegenüber der Tankstelle am Ortseingang beginnt der Schlosspfad, der sich der Burg von Osten nähert. Auch aus dem Altburgtal im Norden heraus führen gleich mehrere Wanderwege hinauf. Von Westen erreichen wir die Burg entweder über den Burgweg oder vom Rammenfeld aus über den Höhenweg, den ich gewählt habe. Es gibt an der Burg keinen Parkplatz – man sollte sich also in jedem Fall zu Fuß auf den Weg machen.

Das weitläufige Burggelände beginnt hinter einer Schranke. Linkerhand befinden sich Schautafeln, auf denen geschichtliche Hintergründe und durch eine Zeichnung ein Eindruck von der ehemaligen Größe der Anlage vermittelt werden. Der Weg zur Hauptburg erstreckt sich gut begehbar über die Höhe, gesäumt von einigen wenigen großen Bäumen. Zu meiner Linken sind erste Gebäudereste erkennbar, und eine Wiese fällt leicht zur noch erhaltenen Ringmauer ab und lockt zum Picknick und zum Verweilen. Doch die Bänke sind alle besetzt, und mich zieht es zu einem Rondell, auf dem sich zwei junge Männer gerade gegenseitig fotografieren. Wie üblich biete ich meine Hilfe an, fotografiere zwei glückliche Menschen auf der Mauer über dem Abgrund, und dann bin ich selbst dran, denn die beiden revanchieren sich, und ich erhalte ein glücklich-lebendiges Portrait von mir vor dem malerischen landschaftlichen Hintergrund. Übrigens ist von hier aus der Panoramaweg gut sichtbar, den ich nur wenige Tage zuvor begangen habe. Und nun, wo ich weiß, wo er ist, sehe ich auch die Anhöhe, an der sich der Wetteldorfer Richtschnitt befindet. Gleich gegenüber meiner jetzigen Position, aber deutlich tiefer, sehe ich das Rondell der Wilhelmshöhe, von der bei der Eierlage die Schüsse abgegeben werden und die ich bei meiner letzten Wanderung besucht habe. Dort unter der Fahne habe ich gestanden und genau das gemacht, was ich jetzt auch mache: zur Kamera greifen und festhalten, was ich sehe.

Ich fotografiere, was das Zeug hält, und kann mich nicht satt sehen an all der Schönheit der Gegend und des Burgfleckens tief unter mir. Apropos tief unter mir: Direkt hinter der Mauer geht es senkrecht hinunter. Ich will gar nicht wissen, wie tief, aber es ist wirklich weit bis „unten“. Und hier habe ich gerade noch entspannt auf der Mauer gesessen, sogar mit Rucksack auf dem Rücken, und für ein Foto posiert… Was für eine spannende Aussicht nicht nur in der Horizontalen, sondern auch vertikal nach unten gesehen. Wer könnte diese Mauern einnehmen?

Das dachten sich auch die Grafen von Vianden, als sie im 12. oder frühen 13. Jahrhundert die Burg oberhalb der bereits bestehenden Ortschaft erbauten. Sie wurde „Sconecke“ oder auch „Bellacosta“ genannt. Besiedelt war dieses Gebiet bereits vor Christi Geburt durch die Kelten. Wetteldorf geht auf eine Schenkung König Pippins an die Abtei Prüm im Jahr 762 zurück, und 933 wird auch „Schöneck“ erstmals in einem Zinsverzeichnis genannt. 1132 war Graf Friedrich I. von Vianden Schutzvogt dieser Ländereien, die der Abtei Prüm gehörten. Die machtvolle Burg war leicht zu verteidigen und diente dazu, zugleich die Südgrenze des Territoriums der Fürstabtei sowie den Ort selbst zu schützen und die Straße von Bitburg nach Prüm im Tal der Nims zu kontrollieren. Bereits im Jahr 1248 führten Erbstreitigkeiten zu einer Familienfehde: Der erstgeborene Sohn (Heinrich II.) des verstorbenen Friedrich II. wurde von seinem Großvater übergangen, weil er noch ein Kind war. Sein Onkel Philipp, zweitgeborener Sohn des Großvaters, übernahm Titel und Ländereien. Als er erwachsen war, nahm Neffe Heinrich seinen Onkel Philipp gefangen und hielt ihn auf der Burg fest. Da sämtliche Herrscher der Region miteinander verwandt und verschwägert waren, führte dieser Familienkonflikt zur Einmischung des Bischofs von Utrecht und des Luxemburger Grafen. Philipp wurde freigelassen, die Grafschaft Vianden wurde Luxemburger Lehen, und Heinrich II. fortan Herr von Schönecken. Ein Schiedsspruch von 1280 sorgte jedoch dafür, dass die Ländereien weiterhin im Besitz der Abtei Prüm verblieben.

Noch toller trieb es Hartard von Schönecken, der ein verwirrendes Dreier-Lehensverhältnis mit den Luxemburger Grafen und dem König von Böhmen auf der einen Seite, Kaiser Karl IV. als zweitem Lehensherr und außerdem mit dem Trierer Kurfürsten Balduin als dritte Partei einging. Doch erst 1384 gelangte die Burg durch Kauf endgültig in den Trierer Besitz. Nun kehrte erst einmal Ruhe ein.

Ein katastrophaler Brand verwüstete im Jahr 1802 die Burg und die darunter liegende Ortschaft. Steine der Ruine wurden für den Wiederaufbau der Häuser genutzt. Sie sind für immer verloren. Und doch ist so der Ort noch stärker mit der Ruine verbunden, die ihn überragt.

Ihre Faszination hat sie dadurch nicht verloren! Das Areal der Anlage erstreckt sich um mich herum auf dem weitläufigen, etwa 120 Meter langen und bis zu 60 Meter breiten Plateau auf einem Bergsporn. Ich denke daran, was hier los ist, wenn der Traktor der Ferienhof-Bauern uns hierher bringt – meist nach einem kurzen Stopp, um im Ort ein Eis zu kaufen. Meine Miturlauber und ich erobern im Nu praktisch alle Bereiche der frei zugänglichen Ruine und genießen die Aussicht von verschiedenen Passagen der Ringmauer aus in alle Richtungen. Von hier und durch die leeren Fenster der Turmreste bietet sich ein malerischer, atemberaubender Blick auf Schönecken und seine Umgebung. Niemand kann sich der Magie entziehen, und so sind die Ruhe- und Rastbänke auf dem Plateau ebenso wie die Aussichtspunkte in der Regel gut besucht. Die Sonne scheint, neben mir ragen die restlichen Mauern in die Höhe, und ich möchte noch nicht gehen. Es ist etwas leerer geworden als vorhin bei meiner Ankunft. Also nehme ich erst einmal auf einer Bank Platz, lasse meine Seele baumeln und meinen Blick über das Land gleiten. Mauersegler stürzen sich von den uralten Mauerresten in die Tiefe. Meine Gedanken begleiten sie und fliegen von dieser zauberhaften Burg aus frei wie ein Vogel durch Zeit und Raum weit über das Prümer Land.

 

Weitere Informationen:
www.schoenecken.de, www.schoenecken.com
www.ferienregion-pruem.de
https://kulturdb.de/einobjekt.php?id=740

Weitere Quellen:
Matthias Kordel: „Die schönsten Schlösser und Burgen in der Eifel“, Wartberg Verlag Gudensberg 1999

 

Frisch renovierte und doch sehr alte Steine
Blick auf Schönecken – im Hintergrund auf dem Hügelkamm verläuft der Panoramaweg, unterhalb in der oberen Bildmitte liegt der Wetteldorfer Richtschnitt

Blick nach Norden Richtung Schönecker Schweiz/Altburgtal (die sich noch weit in den Osten hinein erstrecken)

Blick von der Burgruine auf den Park
Schöne Aussichten auf den schönen Burgflecken!

Blick von oben auf den Aussichtspunkt Wilhelmshöhe (rechts)

Keine Hexenhäuschen oder Grabhügel – die Kalköfen in der Eifel

Der Kalkofen zwischen Rommersheim und Fleringen

Als ich vor zwölf Jahren in die Eifel zurückkehrte, hörte ich davon und hatte keine Ahnung – war aber furchtbar neugierig. Kalkofen hier, Kalkofen da. Worum geht es da eigentlich? Und wo kann man sich das anschauen?
Wir finden sie überall, wo die Eifel Kalkgestein zu bieten hat. Manchmal sind sie deutlich als Gebäude erkennbar und wecken unsere Wissbegier, und manchmal glauben wir stattdessen, einen keltischen Grabhügel vor sich zu haben. 500 Jahre lang versorgten sie die Eifel mit Kalk zum Bauen und Düngen, größtenteils noch bis nach dem 2. Weltkrieg. Auch in den Namen von Orten, Gütern oder Familien finden sie sich noch wieder und weisen auf die Vergangenheit hin.
Zwischen Fleringen und Rommersheim findet sich ein besonders gut erhaltenes Exemplar mit Informationstafel, ebenfalls zwischen Niederehe und Nohn an der L68. Eine Fundstelle bei Iversheim (Bad Münstereifel) weist auf ein großes römisches Kalkwerk hin, das um 150 bis 300 n.Chr. betrieben wurde. An anderen Stellen befinden sich von Gras überwucherte „Hügel“ als Reste solcher Kalköfen, die kaum als solche zu erkennen sind, so wie wir sie südlich oberhalb von Fleringen in der Nähe der Schönecker Schweiz auf einer Kuhwiese finden, etwa 700 Meter Luftlinie von der Krausbuche entfernt.
In der Prümer Kalkmulde fand sich eine große Dichte dieser Öfen. So sind allein für Fleringen im Jahr 1856 neun Öfen belegt. 1985 sorgte der „Geschichtsverein Prümer Land“ für die Reaktivierung des oben genannten Kalkofens zwischen Rommersheim und Fleringen, der heute frei zugänglich besichtigt werden kann. Wir können hineinkriechen, drumherum laufen, den Ofen von allen Seiten sehen und anfassen und uns in alte Zeiten hineindenken. Von Zeit zu Zeit wird hier aktiv Kalk gebrannt. Davon zeugt auch der Boden des Kalkofens, wenn man ihn betritt. Oft sind die Spuren zwar von Laub bedeckt, aber sie sind da und erzählen uns ihre Geschichte.
Und wie funktioniert das Kalkbrennen? Beim Brennen im mit Holz befeuerten Ofen entweicht Kohlensäure aus dem Kalk. Der gebrannte Kalk wird mit Wasser „gelöscht“, die so gewonnene Kalkmilch dann als Mörtelgemisch (mit Sand und Wasser) oder zum Kalken von Fassaden und Räumen verwendet, wobei das Wasser verdunstet und die Kohlensäure durch die Luft wieder in den Kalk eindringen kann. Der frische Baustoff hat allerdings eine ätzende Wirkung auf Augen und Haut.
Vieles ist noch aus alten Zeiten überliefert, so eine alte Schilderung von Johannes Busch (geb. 1854) über die Kalkbrennerei in Schönecken. Dort wird erzählt, dass die Menschen ebenso aus St. Vith im Westen wie auch aus östlicher Richtung aus der Gegend weit hinter der Kyll nach Schönecken kamen. Vier bis acht Öfen gehörten jeweils einer Familie. Nebenan befanden sich Ställe oder Unterstände für das Vieh der Kundschaft, das für den Transport genutzt wurde. Im Sommerhalbjahr lebte auch die Familie des Kalkbrenners vor Ort, die der Kundschaft sowohl Kaffee als auch verbotenerweise selbst gebrannten Korn anboten. Nach 1890 löste Thomasschlacke den Kalk als Düngemittel ab, was zu einem starken Rückgang der Nachfrage führte. Nikolaus Arenth, ein Nachfahr der Schönecker Ofenbetreiber, gab 1995 das überlieferte Wissen preis und schildert, dass knapp 5000 Reisigbündel aus den umliegenden Wäldern benötigt wurden, um in einem solchen Ofen Kalk zu brennen. Auch nach dem Krieg, als Baumaterial knapp war, wurde hier nochmals ein Ofen in Betrieb genommen.
Mit all diesem Wissen machen wir uns auf den Weg und erkunden die Öfen – die Hügel am Wegrand ebenso wie die rekonstruierten Gebäude am Wegrand, die wir nach Herzenslust anschauen, anfassen und erkunden können. Und laufen durch das raschelnde Laub, bücken uns, um durch das Loch ins Innere des Ofens zu gelangen, und dann stehen wir dort und werden ganz still und können ihn hören, riechen und fühlen, den Hauch der alten Zeiten.

Koordinaten Kalkofen in Rommersheim: 50°11’53.7″N 6°27’50.5″E /
bei Üxheim-Niederehe: 50°19’14.1″N 6°46’43.3″E /
Hügel südlich von Fleringen: 50°11’42.5″N 6°29’54.5″E


Weitere Informationen: https://www.schoenecken.com/HTML/kalkoefen.htm
https://www.eifel.info/a-kalkofen-1
https://www.eifel.de/go/sehenswertes-detail/kalkofen_hillesheim.html

Im Kalkofen

Kalkofen in Üxheim-Niederehe (in der Nähe der Nohner Mühle)
Grüße aus dem Auenland – diese Hügel sind ehemalige Kalköfen (zu finden am Rand der Schönecker Schweiz)
Kalkofen in Niederehe an der Basis
Infotafel über den Kalkofen an der Landstraße zwischen Rommersheim und Fleringen

Spaß beim Erkunden
Milch ist auch weiß – Kühe weiden auf den ehemaligen Kalköfen am Rand der Schönecker Schweiz

Prüm und die Sache mit den Karolingern

Prüm und die Sache mit den Karolingern

Von welcher Seite auch immer ich mich der Stadt Prüm nähere: Mein Blick fällt auf die stolze, weiß und rosa leuchtende Basilika und die benachbarten Abteigebäude. Sie laden ein zum Staunen, Innehalten und auch zum Gebet. Rückwärtig und etwas unterhalb, am Gerberweg, zwischen Basilika und Abtei auf der einen Seite und unweit des Aldi-Parkplatzes auf der anderen Seite, befinden sich mehrere Statuen und Gedenktafeln, die eine spannende Geschichte erzählen. Hier, zwischen Friedhof und Bushaltestelle, im Schatten des ehemaligen Klosters, erfahren wir, was es mit Prüm, der Abtei und den Karolingern auf sich hat.

Wenn ich mir Prüm in seinen Anfängen vorstelle, sehe ich im grünen Tal an einem plätschernden Fluss eine kleine hölzerne Kapelle vor mir – nicht gerade günstig zur Verteidigung gegen Gegner gelegen, die von den umliegenden Hängen hinab darauf zuströmen. Dieses Schicksal ereignete die gerade knospende Stadt nicht nur einmal! Und dennoch: Irgendetwas machten die Gründer von Stadt und Abtei richtig, sonst wäre daraus nicht eine solche Erfolgsgeschichte geworden, ein Zentrum der kirchlichen Macht, eine florierende Stadt. Die Lage im Talkessel bot Schutz vor Wind und Wetter, und die Prüm spendete Leben: Wasser zum Trinken, Kochen und für die sich ansiedelnden Gewerbe, Bewässerung für die Gärten und Felder und Viehweiden.

Von fundamentaler Wichtigkeit für die Gründung der Abtei waren die Karolinger. Dieser Begriff war im Geschichtsunterricht in Windeseile an meinem Ohr vorbeigerauscht (praktisch in einem gemeinsamen Zug mit ihren Vorgängern, den Merowingern), und erst nun begreife ich, dass das Wort sich auf Karl Martell bezieht, den Großvater Karls des Großen. Eigentlich sehr einfach und prägnant! Noch beeindruckender sind die Fakten: Die Klostergründung liegt im Jahr 2021 genau 1.300 Jahre zurück. 1.300 Jahre! Ginge man noch einmal so weit in die Vergangenheit zurück, landete man in Europa in der keltischen Hallstattkultur oder im Griechenland von Pythagoras, und das persische Weltreich würde gerade erst gegründet.

Also, tief durchatmen: 721 gründete Bertrada die Ältere gemeinsam mit ihrem Sohn Charibert das erste Kloster in Prüm. Es stand etwa dort, wo sich heute der Friedhof befindet. Bertrada war mütterlicherseits die Urgroßmutter von Karl dem Großen, ihr Schwager Pippin der Mittlere war interessanterweise auf der väterlichen Seite dessen Urgroßvater. Bertrada die Ältere war eine fränkische Edle und stammte von der Burg Mürlenbach. Ihre Mutter hatte bereits Klöster in Oeren bei Trier und (gemeinsam mit dem heiligen Willibrord) in Echternach begründet. Aus Echternach stammten auch die ersten Mönche: nach den strengen Regeln des heiligen Columban lebende irische Missionare. Der erste Abt trug den Namen Angloard. Nun sollte es nicht mehr lange dauern, bis die heute noch berühmten und bestaunten Sandalen Christi ihren Weg nach Prüm fanden.

Dreißig Jahr später ließ sich der Hausmeier (wichtigstes fränkisches Amt) Pippin der Jüngere, ein Enkel des oben genannten gleichnamigen Schwagers Bertradas und Sohn Karl Martells (die Karolinger, wir erinnern uns…), zum König salben und festigte damit seine Macht. Pippin soll sehr klein gewesen sein und trug daher die Beinamen „der Kurze“ oder „der Kleine“. Auch seine Statue auf dem Karolingerweg am Gerberweg in Prüm ist entsprechend kurz geraten.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau Bertrada der Jüngeren, die – Sie ahnen es! – eine Enkelin der oben genannten Klostergründerin war, die ihrerseits mit seinem Großvater verschwägert war, gründete er das schwindende Kloster in Prüm 752 neu. Das Paar gebar mehrere Kinder. Der älteste Sohn sollte später „Karl der Große“ genannt werden!

Ab 762 ließen Pippin und Bertrada an der Mündung des Tettenbachs in die Prüm prachtvolle neue Gebäude errichten: ein neues Benediktinerkloster und eine „goldene Kirche“. Als wichtigste Reliquie erhielt die fortan „Sankt Salvator“ genannte Neugründung die „Sandalen Jesu Christi“, die sich bis heute vor Ort befinden und zu bestimmten Zeiten zu besichtigen sind. Die Stelle des Abts wurde mit einem Verwandten namens Aßerus besetzt. Die Familie suchte das Kloster in Prüm regelmäßig auf: zunächst Pippin, dann sein Sohn Kaiser Karl der Große, dann dessen Sohn Pippin der Höckrige, der dort Mönch wurde. Zur Einweihung 799, nach vierzigjähriger Bauzeit, sollen Papst Leo III. und Karl der Große anwesend gewesen sein. Karls Statue auf dem Karolingerweg zeigt bildlich: Karl der Große hatte nicht nur ein riesiges Reich, auch er selbst war groß! Quellen sprechen von 1,90 Metern – also selbst für heutige Verhältnisse ein stattlicher Kerl: mit fünf Ehefrauen (nacheinander), etlichen Konkubinen und etwa 20 Nachkommen. Böse Zungen behaupten, es gäbe heute mehr Mitteleuropäer, die Karl den Großen unter ihren Vorfahren haben, als solche, bei denen dies nicht der Fall ist. Außerdem sagt man ihm eine Fistelstimme nach.

Unter der Regentschaft seines Enkels Kaiser Lothar I. fand im September 855 ein Ereignis statt, mit dem der Name von Stadt und Abtei bis heute Einzug in die Geschichtsbücher fand: die Teilung von Prüm. Kurz vor seinem Tod teilte der Kaiser das riesige Frankenreich unter seinen Söhnen auf – eine Entscheidung, die später zum Zerfall des Reiches führte. Er selbst trat dem Kloster bei, verstarb kurz darauf und wurde dort beerdigt. Ein Sarkophag mit seinen Gebeinen befindet sich heute noch in der Basilika.

Die Karolinger legten den Grundstein für ein blühendes Klosterleben: Landschenkungen und Erbschaften, sechs Zweigklöster, die Unantastbarkeit der Klostergrenzen und die Unabhängigkeit von weltlichen Gerichten, Marktrechte, Wallfahrten und Prozessionen. Viel später, 1222, sollte Prüm zum Fürstentum erhoben werden. Unzählige Ortschaften im Umkreis verdanken ihre Existenz dem Kloster.

Doch es gab im wahrsten Sinne des Wortes gewaltige Rückschlage: Die Wikinger kamen, sahen und siegten! Am Dreikönigsfest 882 fielen herumziehende Normannen über Prüm her. Bauern waren zur Verteidigung herbeigeeilt und wurden erbarmungslos niedergemetzelt. Das Kloster wurde geplündert und niedergebrannt. Niemand war mehr am Leben, der es hätte löschen können. Zehn Jahre später kehrten sie zurück. Sie kamen aus dem Wald, nahmen Gefangene und hinterließen Tod und Verwüstung. Dennoch konnten Klosterschätze, Handschriften und Urkunden vor dem Schlimmsten bewahrt werden. Es war Abt Regino, dessen Statue ebenfalls am Karolingerweg zu finden ist, der seine Erlebnisse mit den Nordmännern schriftlich festhielt, mit seinen Mönchen den Wiederaufbau in Angriff nahm und zudem das Prümer Urbar verfasste, eine über 1.100 Jahre alte Niederschrift der Güter und Einkünfte des Klosters.

Die goldene Kirche stand bis 1721. Sie liegt heute unter dem Hahnplatz. Im linken Eckturm (dem Nordturm) der heutigen barocken Basilika befindet sich ihr ehemaliger Südturm. Ein Teil des Mauerwerks ist von innen sichtbar. 1802 wurden unter Napoleons Verwaltung alle Klöster aufgelöst. Seit 1852 dient die Abtei als Gymnasium. Bei der Jahresausstellung der EVBK e.V. in den Sommerferien ist sie für Besucher geöffnet. Kreuzgang und Innenhofgarten versetzen unvermittelt in alte, klösterliche Zeiten. Ob sie diese Wirkung auch auf Schüler und Lehrer ausüben, die ihnen täglich „begegnen“? Beim Anblick des mächtigen Kristallleuchters an der Decke der Aula, die auch Fürstensaal genannt wird, stockt mir der Atem: Ich kann nur beten, dass niemals jemand einen Fußball mitbringt…

Die ehrfurchtgebietende Basilika mit der anmutigen Fassade, den Statuen Pippins und Karls neben dem Portal und den mächtigen Säulen im Innenraum wurde Pfarrkirche. Sie kann uns viel erzählen – auch über die Karolinger: die Reste des alten Turms, die Sandalen Christi, Kaiser Lothars Grab, Kunstschätze, Altäre, Reliquien. Ein Gemälde im Chorraum zeigt die Weihe der Klosterkirche im Jahr 799. Im Haus des Gastes am Hahnplatz befindet sich eine alte Abbildung der Klostergründung. Die ganze Geschichte der Klostergründung und Stadtentwicklung können wir ausführlich in Wort und Bild im Museum Prüm an der Tiergartenstraße nachvollziehen. Auch den Karolingern können wir in (unterschiedlicher) Lebensgröße einen Besuch abstatten: Auf dem Karolingerweg am Gerberweg. Schauen wir sie uns an, die großen und kleinen Gründer und Wohltäter, und „erlaufen“ und ergründen wir ihre Geschichte!

 

Weitere Infos:
Tourist-Information Prümer Land, Haus des Gastes, Hahnplatz 1, 54595 Prüm, www.ferienregion-pruem.de (hier gibt es einen Flyer zum Karolingerweg)
Museum Prüm, Tiergartenstraße 54, 54595 Prüm, www.museum-pruem.de
www.evbk.org

Weitere Quellen:
Flyer Karolingerstadt Prüm,
Monika Rolef: Prüm und die Karolinger (Paulinus-Druckerei Trier 1995),
Dr. Reiner Nolden (Trier): 1100 Jahre Prümer Urbar und die Ersterwähnung von Trittenheim,
https://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/karl-der-grosse-der-riese-mit-der-fistelstimme-a-945746.html

Abt Regino vor Basilika und Abtei
Statue des Kaisers Lothar I. am Karolingerweg
Pippin der Kurze
Karl der Große
Kaiser Lothar I.
Abtei Prüm
Prüm-Basilika-Okt2015
St.-Salvator-Basilika Prüm im Oktober 2015
Regino-Gymnasium / Abtei Prüm
Abt Regino, im Hintergrund die Abtei
Abt Regino
Gedenktafel – Darstellung des Treffens zwischen Mönch Wandalbert und König Ludwig dem Deutschen
Innenhof der Abtei
Abtei-nördliches Portal
Fürstensaal und Aula des Regino-Gymnasiums
Die Basilika innen gegen Ende der Renovierungsarbeiten 2019
St.-Salvator-Basilika Prüm
Gedenktafel für Mönch Wandalbert
Die Türme der Basilika vom Friedhof aus gesehen
Der Sarkophag Kaiser Lothars

 

 

Im Zeitreise-Tunnel – Besucherbergwerk Mühlenberger Stollen in Bleialf

 

Im Zeitreise-Tunnel – Besucherbergwerk Mühlenberger Stollen in Bleialf

Ein bisschen neugierig bin ich, als ich vor dem hölzernen Bauwerk im Süden Bleialfs stehe, hinter dem sich ein sanfter bewaldeter Hügel erhebt. Neben dem Gebäude befinden sich frei zugänglich mehrere alte Loren. Gegenüber eines kaum erkennbaren Wassergrabens parken wir und stoßen sofort auf ein Schild, das auf eine Katastrophe hinweist, die mir als Auswärtige bisher völlig entgangen war.

Am 1. Juni 2018 wurde die Region von einem Unwetter mit Starkregen heimgesucht. Das Wasser in Flüssen und Bächen schwoll stark an. Es war nicht einmal der namensgebende Alfbach, der dem Besucherbergwerk Flut und Verderben brachte, sondern der kleinere Üchenbach. Dort, wo er über ein Rohr unter der Straße hindurchgeführt wird, wurde ein Anhänger angeschwemmt. Bis heute weiß niemand, wie er dorthin geriet oder wohin er gehörte. Er verstopfte den Abfluss. Wasser und Schlamm sammelten sich in der Talmulde und suchte sich den einfachsten Weg: nach unten! Ins Besucherbergwerk. Stollen, Empfangsgebäude und das kleine zugehörige Museum alter Grubenlampen und anderen Zubehörs standen bis zum Dach unter Wasser. Die Statue der heiligen Barbara, Schutzherrin der Bergleute, wurde fortgeschwemmt. Zurück blieb eine Wüste voll Schlamm. Es dauerte über ein Jahr, bis Führungen wieder möglich waren. Die Sammlung wurde fast vollständig zerstört. Aber St. Barbara steht wieder an ihrem Platz. Und ein Album dokumentiert mit zahlreichen Fotos die Überflutung. Der Stollen ist um einige Ausstellungsstücke ärmer, aber um eine Geschichte reicher. Bergleute und Bevölkerung haben gemeinsam dafür gesorgt, dass dieser Ort bestehen bleibt. Und wir immer noch unter Tage Abenteuer erleben können.

Die Geschichte des Erzabbaus ist uralt. In der Eifel finden sich zahllose Erze: Eisen, Kupfer, Blei, Zink Mangan, Braun- und Toneisenstein. Heute sprechen wir über Blei. Europas größtes Bleierzvorkommen befindet sich in der Eifel: in Günnersdorf bei Mechernich. Auch hier in Bleialf war das Erz bereits maßgeblich für den Ortsnamen. Es handelt sich um eine der wichtigsten Erzlagerstätten in der Eifel. Die Überlieferung besagt, dass die Menschen nur etwas in der Erde buddeln mussten, um reiche Beute zutage zu fördern. Bereits die Kelten und die Römer wussten das und nutzten diese Schätze der Erde. Erzabbau wurde also bereits über 2000 Jahre lang betrieben. Erste urkundliche Erwähnungen stammen aus dem 11. Jahrhundert – diese schriftlichen Nachweise bezeugen 1000 Jahre Bergbau in der Schneifel! Auf dem Bergbaupfad lassen sich auf überschaubarer Strecke verschiedene Spuren und Relikte erwandern und erfahren. Allen voran das Besucherbergwerk Mühlenberger Stollen, das wir nun endlich betreten.

Zunächst erhalten wir jeder einen Kittel und einen Helm. Sobald eine vorherige Gruppe aus der Tiefe zurückgekehrt ist, geht es los. Wir sind sieben Personen: drei Erwachsene, drei Kinder und ein Stollenführer. Vorbei an einer Ausstellung alter Kommunikationsgeräte geht es die Treppe hinab in den Stollen, der ursprünglich der Entwässerung und als Arbeitsweg zu den Abbaustellen diente. Das eigentliche Abbaugebiet lag etwa einen Kilometer tiefer im Berg. Doch es gibt hier alles zu sehen, was den Bergbau vor Ort ausmachte. Unser Führer erzählt uns von der Geschichte des Bergwerks und des Abbaus, zeigt uns Lichtlöcher, Erzvorkommen und Gesteinsschichten in den Wänden und reicht uns „tonnenschweres“ Werkzeug zum ausgiebigen Selbstversuch. Niemand verlässt den Stollen ohne ein Stück Gestein in der Tasche. Und dennoch ist noch genug da. Alte Schilder und Original-Equipment bis hin zum „Scheißkübel“ (klar, was soll man unter Tage sonst machen, wenn man mal muss…) ergänzen den intensiven Einblick in alte Zeiten. Übrigens braucht sich niemand Sorgen zu machen: Blei in festem Zustand ist nicht giftig. Gefährlich wird es erst bei der Bearbeitung und beim Schmelzen. So können wir sorglos weiter erkunden: Was macht ein Hund unter Tage? Wofür sind die Keile zwischen Balken und Decke? Was ist Wetter? Woran erkennt man im Stollen, ob draußen ein Tiefdruck- oder ein Hochdruckgebiet vorherrscht? Wie alt sind die Eichenbalken im Stollen? (So viel sei verraten – das Alter ist beeindruckend!!!) Und wie verrät gerade dieses Holz den Bergleuten, wenn der Gang einzubrechen droht? Ich möchte das nicht alles erzählen, sonst ist der tatsächliche Besuch nur noch halb so spannend. Denn das war er wirklich: spannend und erlebnisreich!

Irgendwann war es so weit, und wir mussten wieder „auftauchen“, zurück nach oben, aus dem Stollen wie aus einem Zeittunnel zurück in unsere eigene Wirklichkeit. Empfangen von einem Schwall warmer Luft, der uns fast zu Boden drückt nach der angenehm kühlen, feuchten Luft, die sich so gut atmen lässt. Die Kinder dürfen die Glocke läuten, um uns anzukündigen: Wir kommen, wir fahren aus! Dann geht es die Treppe hinauf. Noch ein Erinnerungsfoto, dann geben wir Kittel und Helme wieder ab. Schön war’s. Bergbau zum Sehen, Riechen, Anfassen, Erleben… Wir waren sehr beeindruckt! Und kommen gerne wieder.

Die eigentliche Blütezeit des Bleialfer Bergbaus lag in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts. Der Mühlenberger Stollen selbst wurde von 1839 bis 1852 1189 Meter weit in den Berg getrieben. 1862 erreichte der Abbau im Mühlenberger Stollen seinen Höhepunkt. Nach anfangs 85 Arbeitern im Jahr 1856 stieg die Zahl der Beschäftigten auf mehr als 1000 an. 1885 lag sie bereits wieder bei „nur“ 111 Arbeitern. 1954 wurde der Stollen geschlossen. Seit 1986/87 ist er als Besucherbergwerk und Kulturdenkmal für die Öffentlichkeit zugänglich. Führungen und Pflege erfolgen durch den Bergmannsverein St. Barbara.

Wer den Bergbau noch genauer erkunden möchte, folgt dem Bergbaupfad zu weiteren Stationen: Lichtlöchern, Schächten, Stollen und Halden. Nicht weit von hier erinnert ein weiterer Wanderweg an Ernest Hemingway. Wieder so etwas, was niemand weiß: 1944 hielt er sich als Kriegsberichterstatter in Buchet auf – etwa vier Kilometer von Bleialf entfernt.

Vor langer Zeit jedoch gab es hier im Berg noch weitere Bewohner. Eine alte Sage erzählt von den Wichtelmännchen:

Die Wichtelmännchen waren dünne kleine Wesen, die in verborgenen Höhlen und Ritzen unter der Erde lebten. Manchmal sah man sie, wie sie sich im Gras sonnten oder glockenhelle Lieder sangen, doch niemand durfte ihnen zu nahe kommen oder gar erfahren, wo genau sie lebten. Sie waren hilfreich und gut. Als ein armer Bauer schwer erkrankte, kamen sie heimlich im Schutze der Dunkelheit, versorgten das Vieh, erledigten die Feldarbeit und droschen das Korn. Der Bauer wurde wieder gesund und blickte voller Dankbarkeit auf die getane Arbeit. Seine Frau nähte viele kleine Jacken, Hosen und Mützen, auf dass die kleinen Helfer im Winter nie wieder frieren müssten. Der Bauer wartete, bis tiefer Schnee lag, ging frühmorgens auf die Suche und folgte den kaum sichtbaren Spuren, die er fand. Voll Freude stellte er einen Korb voller winziger Kleidung vor den verborgenen Eingang zu ihren Gängen. Die kleinen Wichtel aber erschraken: Sie waren entdeckt worden! Voller Furcht ergriffen sie die Flucht und waren nie wieder gesehen…

 

Anschrift und Internetauftritt: Besucherbergwerk Mühlenberger Stollen, Brandscheider Weg/Hamburg 1, 54608 Bleialf, Tel. 06555/1227 oder 0160/1009749, info@besucherbergwerk-bleialf.de, www.besucherbergwerk-bleialf.de, www.bergmannsverein-bleialf.de

Öffnungszeiten: Mai bis Oktober Sa+So 14-17 Uhr (letzte Führung 16.15 Uhr), Sonderführungen und Gruppen ab 8 Personen nach Vereinbarung, Kindergeburtstage mit Schatzsuche

Eintrittspreise: Erwachsene 5,00 €, Jugendliche (6-14 Jahre) 2,50 €

Wanderempfehlung: Prümer Land Tour, Route 4 – Bergbaupfad Bleialf mit 12 Info-Stationen (kurzer Weg mit 6 Stationen 3km, langer Weg zzgl. 6 km) / Erlebnispfad Bleialf-Buchet (ca. 2,5 km) / Ernest-Hemingway-Weg (östlich von Bleialf, ca. 4km) / Westwall-Weg (östlich von Bleialf am Schwarzen Mann)

Weitere Infos: www.ferienregion-pruem.de (unter Erleben – Ausflugsziele oder Wandern – Prümer Land Touren), www.bleialf.de, www.naturpark-eifel.de, https;//touristikbleialf.de

Buchempfehlung (und Quelle der Wichtelgeschichte): Alois Mayer: Sagenhaft & Wunderbar – Sagen und Erzählungen aus dem Altkreis Prüm (Veröffentlichungen des Geschichtsvereins Prümer Land, Band 59), www.gvpl.de

Noch eine Geschichte zum Bergwerk Bleialf: http://eifelecho.de/eine-geschichte-aus-dem-bleialfer-bergbau/

Der Üchenbach im Normalzustand

Schönecker Schweiz – auf der Jagd nach der Felsenburg

Oben auf der Keltenfliehburg

Schönecker Schweiz – auf der Jagd nach der Felsenburg

Die Schönecker Schweiz und ich kennen uns jetzt elf Jahre. In jedem Urlaub streife ich zumindest ihre Randgebiete, zu Fuß, auf dem Pferderücken oder bei einem Ausflug mit dem Traktor. Sie hat so viele Gesichter, und jedes ist schön. Und eines ist sie eigentlich immer: grün! Grün vom Laub an den Bäumen, grün vom Bärlauch auf dem Waldboden und von Moosen, Farnen und Flechten auf den Felsen. Ihre Geschichte ist ein ganz eigener Eifelkrimi, denn hier existierte vor 400 Millionen Jahren ein Meer, dessen Ablagerungen die heutige Landschaft gestaltet haben. Und die ist außergewöhnlich!

Beginnen wir mit dem Bärlauch. Ab März bis in den Juni hinein begleitet uns dieser Duft durch die ganze Schönecker Schweiz. Es handelt sich um das größte zusammenhängende Bärlauchgebiet Europas! 2017 wurden hier etwa 60 Tonnen Bärlauch geerntet – Tendenz steigend. Daneben gibt es hier große Vorkommen an Märzenbechern, oft im Jahreslauf gefolgt vom Silberblatt. Zwischen Fleringen und Rommersheim befindet sich auf einer felsigen Anhöhe im Wald zudem noch eine andere botanische Besonderheit: die „krüppelig gewachsene“ Krausbuche! (Streng genommen gleich drei dieser Bäume.)

Überhaupt: als Teil der Prümer Kalkmulde, die mit 240 km² wiederum die größte der Eifeler Kalkmulden ist und im Süden der Kalkmuldenzone liegt, bietet die Schönecker Schweiz Geologen und Botanikern einmalige Einsichten und Erlebnisse. Für Enzian muss niemand in die Alpen fahren: Der (teils beweidete) Kalkmagerrasen an sanften Hängen bietet mit kargem Boden, wenig Wasser, viel Sonne und eisigem Frost extreme Lebensbedingungen, die erstaunlicherweise eine große Artenvielfalt begünstigen und solche Besonderheiten hervorbringen wie beispielsweise Orchideen, Enzian, Wiesen-Salbei, Mücken-Händelwurz, Thymian, Küchenschellen und Wacholder.

Gleich nebenan finden sich Dolomitfelsen und Karstgestein und eine interessante Besonderheit: „Schwindbäche“ (auch Verlierbäche genannt). Das Wasser verschwindet in „Schlucklöchern“ im Karstgestein und tritt an anderer Stelle wieder aus. So kommt es, dass sich hier unterirdisch das größte Trinkwasserreservoir der Südeifel befindet, das 20.000 Menschen versorgt. Die Schönecker Schweiz einmal von unten zu betrachten, wäre also genauso interessant wie unsere oberirdische Wanderung heute! Doch die ist spannend genug: Überall finden sich Fossilien, und die Felsen geben Geologen einzigartige Einsichten: Bei Schönecken-Wetteldorf wurde bereits 1937 der „Wetteldorfer Richtschnitt“ vorgenommen, anhand dessen Wissenschaftler die Grenze zwischen Unter- und Mittel-Devon festlegen konnten und der seit 1981 der weltweit einzig gültige Maßstab ist. Um bei Superlativen zu bleiben: Hier befindet sich auch das größte zusammenhängende Naturschutzgebiet im Landkreis Bitburg/Prüm, stolze 865 Hektar groß.

Es ist die Landschaft, die dem Beinamen „Schweiz“ alle Ehre macht. Beispielsweise die „Jungfernley“ im Schalkenbachtal unweit des Schönecker Wanderparkplatzes. Es wird berichtet, hier sei eine bösartige Jungfrau zu Stein erstarrt. Daneben gibt es auch Erzählungen, aus ihrem Felsspalt hätten Hebammen die neugeborenen Kinder herausgezogen. Oder etwa die Hohlley, das „Tor zur Unterwelt“, deren Tropfsteinhöhlen Fledermäusen und Kreuzspinnen Unterschlupf bieten.

Hier beheimatet ist auch die Sage vom „Schalkenmännchen“. Es soll sich um den hinterhältigen Johann von Schwirzheim handeln, den auch der Himmel nicht aufnehmen wollte und dessen Seele daher immer noch unruhig durch den Wald streift, in dem er gewaltsam zu Tode kam. Ein junger Knecht hatte in Wallersheim drei Ferkel abgeliefert und sein Trinkgeld in der dortigen Wirtschaft gegen flüssiges Wohlbefinden eingetauscht. In der Dämmerung machte er sich auf den Weg zurück zu seinem Dienstherrn nach Schönecken, als er im Schalkenbusch auf ein kleines Männlein traf, das er zunächst für einen verstockten Knaben hielt. Im Streit warf er dem Wicht böse Worte entgegen, bis dessen Gestalt wuchs und wuchs und ihm auf den Rücken sprang. Dem Jungen gelang es nicht, die bleierne Last abzuwerfen, die ihn zudem peitschte und antrieb und erst auf der Brücke in Schönecken von ihm abließ. Es heißt, der Knecht sei danach nie wieder froh gewesen.

Wen wundert es, dass auch die Kelten dieses Gebiet zu schätzen wussten? Oberhalb des Altburgtals befindet sich eine sogenannte „Keltenfliehburg“, auch „Keltenring“ genannt: Bezeichnungen, die neugierig machen! Um sie zu finden, muss man gut zu Fuß sein, und so machen wir uns auf den Weg, laufen von Meyersruh, wo Schalkenbach und Kupferbach zusammentreffen, über den Ichter Berg hinab ins Altburgtal und folgen zunächst dem Wanderweg 2. Meine Wanderkarte ist der Ansicht, dass Wanderweg 1 sicher am „Keltenring“ vorbei führt, doch diversen Wegbeschreibungen entnehme ich, dass auch die 2 zum Ziel führt, wenn man achtsam ist und sich im richtigen Moment rechts hält. Die Frage, wann dieser richtige Moment ist, wird uns eine Weile auf Trab halten – neben der atemberaubend schönen Wald- und Felsenlandschaft, die uns umgibt. Hinweisschilder geben uns die Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein, und so biegen wir kurz rechts ab, um ein paar besonders schöne Felsen im Wald in Augenschein zu nehmen. Wenn ich Kelte gewesen wäre, hier hätte ich gelebt! Ich ernenne dieses Stück Erde kurzerhand zu meiner persönlichen Keltenfliehburg und folge weiter brav den Schildern, bis der Wald aufhört und ich irritiert feststelle, dass wir die Keltenfliehburg längst erreicht haben müssten. Also müssen es die grandiosen Felsen sein, an denen wir unlängst vorbei gelaufen sind, direkt am Wanderweg 1, was auch zu den Angaben auf meiner Karte passt. Die nächste halbe Stunde erkunden wir diese Felsen und Klüfte, und ich stehe auf den natürlichen Terrassen oberhalb der Bäume und stelle mir vor, wie die Kelten diesen Bereich gegen die von unten herannahenden Feinde verteidigten. Die Angreifer hatten keine Chance! Zufrieden lassen wir diesen Ort hinter uns und folgen dem Schneifel-Pfad abwärts, dem Altburgtal mit seinem Schluckloch entgegen. Die Felsen haben 1000 Gesichter: ein Flusspferd, von einem Löwen gejagt, ein schlafendes Krokodil, ein Bär mit einer vorwitzigen Nase – vielleicht ist es auch ein Fabelwesen, das Wache hält vor der Burg. Wie mögen die Kelten diese gewaltige Natur verehrt haben?

Wenige Meter weiter laufen wir fast gegen ein Schild, das plötzlich in der Landschaft erscheint und uns mit folgenden Worten begrüßt: „Schutz vor Feinden: Burg aus der Zeit um 500 v. Chr.“ Schallendes Gelächter erfüllt den Wald: Was auch immer wir vorher erkundet haben, hier ist es, das Ziel unserer Wanderung! Und es ist tatsächlich beeindruckend. Die Felsen Richtung Süden und Osten mögen mindestens 20 Meter hoch sein. Von hier oben gesehen geht es senkrecht in die Tiefe – Eroberung unmöglich, Verteidigung gesichert. Auf der ebenen Seite, von der auch wir uns genähert haben, gab es Wälle und Gräben sowie Konstruktionen aus Steinen und Holz – eine Abgrenzung von etwa 4.000 m². Das Holz ist längst verrottet, doch die Steine liegen überall. Was für ein magischer Ort hier oben mitten im Wald, grün schimmernd in der Sonne. Unter uns liegt das Altburgtal mit der kleinen Brücke und dem Schwindbach und wartet darauf, dass wir diese Burg von unten bestaunen.

Wer suchet, der findet – gelegentlich auch dreimal…

 

So findet man die Keltenfliehburg: Sie liegt am Schneifel-Pfad oberhalb des Altburgtals, ca. 50°10’8″N, 6°29’13″E (Angabe in der Datenbank der Kulturgüter: 50.169538N, 6.488320E). Wanderweg 2 verläuft unterhalb der Burg. Am einfachsten ist es, den Altburgbach in nördliche Richtung über die kleine Stahlbrücke zu überqueren. Dann wenige Meter links bis zum Infoschild über Karstbäche. Von hier nun weder Richtung Niederhersdorf noch Richtung Schönecken laufen, sondern den kleinen Pfad (Schneifel-Pfad) bergauf. Die Keltenburg befindet sich während des gesamten „Aufstiegs“ auf der rechten Seite. „Oben“ befinden sich rechterhand das Infoschild und der Zugang.

Lage: zwischen Schönecken, Rommersheim, Fleringen und Hersdorf

Wanderparkplätze: in Schönecken (Lindenstraße/L5 an der Nims-Brücke) und Rommersheim (der Straße „Auf der Schlack“ in östliche Richtung folgen)

Weitere Infos zu Wanderwegen und zu einer Mountainbike-Tour sowie zu den geologischen Gegebenheiten: www.ferienregion-pruem.de, www.schoenecken.de, www.naturpark-eifel.de, www.eifelsteig.de/Partnerwege/Vulkaneifel-Pfade (Schneifel-Pfad)

Führungen: http://www.brunhilde-rings.de/fuehrungen/altburgtal/

Buchempfehlung: Alois Mayer: Sagenhaft & Wunderbar – Sagen und Erzählungen aus dem Altkreis Prüm (Veröffentlichungen des Geschichtsvereins Prümer Land, Band 59), www.gvpl.de

YouTube: https://youtu.be/4s7TbqExq0s

Am Fuße der Keltenfliehburg
Bärlauch zwischen Rommersheim und Fleringen
Gefunden: Dieses Schild informiert über die Keltenfliehburg
Altburgtal bei Schönecken
Krokodilfelsen
Blick von der Fliehburg – Wir tauften dieses imposante Felsgebilde „Die Liebenden“
Brücke im Altburgtal
An der Jungfernley
Jakobsweg am Schalkenbach bei Schönecken
Die Krausbuche zwischen Rommersheim und Fleringen
Interessanter Baum ausgangs des Altburgtals kurz vor Schönecken

Imposante Felsen am Kupferbach nahe Meyersruh
Schwindbach
Mit all meiner Phantasie glaubte ich die Angreifer zu sehen – aber die „echte Burg“ ist noch 500 Meter entfernt

Oberhalb des Altburgtals am Wanderweg 2
Mystische Felsen mitten im Wald
Auch hier wäre ein guter Ort für eine Burg gewesen – Felsen am Wanderweg 1
Nicht die gesuchte Keltenfliehburg, aber wer weiß…
Blick vom Schneifel-Pfad auf die Kelten-Fliehburg
Jungfernley

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

Auge in Auge mit dem Schwarzen Mann

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

 

Auf der Fahrt durch den Wald meinem Ziel entgegen schwirrt es durch meinen Kopf: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ Ich sehe die alte Turnhalle vor mir und die Kindergruppen an den beiden Seiten, die sich gegenseitig zurufen: „Und wenn er kommt?“ – „Dann laufen wir!“

Und laufen werde ich auch. Denn ich werde ihm heute begegnen: dem Schwarzen Mann mit seinen Höhen und Tiefen. Erst einmal Höhen, denn ich befinde mich zunächst einmal auf dem Bergrücken. Oder Hügelkamm? Scheitel des Höhenzugs? Ich forsche nach: Der Schwarze Mann ist 697,3 Meter hoch. Und hat natürlich nichts mit dem Kinderlied zu tun – ach was! Das Internet weiß: Der Schwarze Mann ist die höchste Erhebung der Schneifel sowie der dritthöchste Berg der Eifel (nach der Hohen Acht und dem Erresberg) und gilt als Eldorado für Wintersportler und Wanderer sieben Kilometer nordwestlich von Prüm unweit der belgischen Grenze im Naturpark Hohes Venn. Und falls jemand mit dem Wort Schneifel nichts anfangen kann – das steht nicht etwa für die Schnee-Eifel, in der sich die Schneifel befindet, die aber ein größeres Gebiet umfasst, sondern kommt von dem Wort „Schneise“ und bezeichnet den Gebirgszug, zu dem auch der Schwarze Mann gehört. Verwirrt beschließe ich, dem Internet und meinen diversen Broschüren in dieser Hinsicht zu vertrauen und wende mich wieder dem Schwarzen Mann zu.

Doch bevor ich dem Herrn in die Augen schaue, halte ich am Wanderparkplatz 5. Denn nur 200 m von hier, direkt dort, wo die Straße nach Schlausenbach abzweigt, steht das Kettenkreuz und erzählt seine dunkle Geschichte. Dorthin gelange ich über einen weich federnden Waldpfad, der „nur für Wanderer“ (so steht es auf dem alten Holzschild am Wegrand) parallel zur Straße verläuft. Die beiden Bänke am Kreuz laden zu einer Pause ein, in der ich die Legende in Ruhe wirken lassen kann.

Kätt, ein Mädchen aus Schlausenbach, muss mutig und unerschrocken und vielleicht ein wenig vorwitzig gewesen sein. Sie wettete mit den jungen Männern aus ihrem Dorf, sie werde des Nachts allein im Dunkeln zu einem düsteren Ort mitten im Wald laufen. Auf dem Weg hinauf auf den Grat überfiel sie die Angst. Hinter jedem Baum oder Strauch witterte sie Gefahr. Als die Dorfjungen übermütig als Gespenster verkleidet aus den Büschen sprangen, erschrak sie so sehr, dass sie tot zu Boden fiel. An dieser Stelle wurde später ein Kreuz für sie errichtet: das Kättchenkreuz – heute Kettenkreuz genannt.

Als nächsten Ausgangspunkt habe ich mir den Wanderparkplatz 7 ausgesucht. Er liegt direkt oben am „Schwarzen Mann“ und trägt den klangvollen Namen „Am Tranchotstein“ – nach dem Tranchotstein, den wir später noch kennen lernen werden.

Rechterhand des Wanderweges, auf der Rückseite der an den Parkplatz grenzenden Erhebung führt eine Treppe hinauf zu einer Plattform, auf der sich ein hölzerner Geselle befindet: der Schwarze Mann mit Hut, langem Bart und Wanderstock. Hier oben erfahre ich, was die Gegend ausmacht und woher der seltsame Name stammt: Bis ins 19. Jahrhundert hinein war der 15 Kilometer lange Höhenrücken unter dem Namen „Kerschtgesroth“ bekannt, was „Waldrodung“ bedeutet und auf den keltischen Volksstamm der Karusker/Cäroser zurückgeht, der hier beheimatet war. Der heutige Name stammt möglicherweise von den schwarzen Gesichtern der Bergleute oder der Köhler, die in der Gegend lebten und arbeiteten – vielleicht aber auch von den Holzgerüsten aus Baumstämmen, die napoleonische Landvermesser als Orientierungspunkte in die Landschaft setzten und die aus der Ferne wie dunkle Gestalten gewirkt haben mögen.

Aus dieser Zeit stammt auch der Tranchotstein direkt gegenüber der Treppe, dort, wo der „Moore-Pfad Schneifel“ die L20 kreuzt. Napoleons Kartograph Jean Joseph Tranchot markierte den höchsten Punkt der Schneifel (50°15’29″N, 6°21’37″E) mit diesem Stein, der die Inschrift „Kerschtgesroth“ trägt und mit Symbolen versehen ist. Er ist einer von 59 Punkten, die dazu dienten, das eroberte linksrheinische Gebiet flächendeckend zu kartographieren.

Etwas betriebsblind finde ich erst einmal weder den von mir mit Spannung erwarteten Holzkerl am höchsten Punkt noch den Stein mit dem interessanten Namen auf Anhieb und trabe an ihnen vorbei den Moore-Pfad Schneifel bergab, wo mich schon der nächste Fels mit Geschichte erwartet. Einfach so am Wegrand befindet sich ein Menhir – auch Langstein oder Weisenstein genannt. Die Kelten hinterließen sie in der Eifel, und es wird vermutet, dass sie besondere Stellen markierten, als Wegweiser oder auch Göttersteine dienten. Wer Kultorte finden möchte, muss nicht weit reisen. Alles, was wir in der Ferne suchen, finden wir auch in der Eifel! Der 150 cm hohe „Forstmeister-Jansen-Stein“ aus Grauwacke war schon lange in der Schneifel bekannt. 1930 wurde er an die jetzige Stelle verbracht und mit einer Inschrift im Gedenken an den Trierer Oberforstmeister Ivo Jansen versehen, die heute kaum noch erkennbar ist. So wandelt er sich vom Gedenkstein wieder zurück zu seinem keltischen Ursprung.

Etwas unterhalb treffe ich auf den Wanderweg 1 und folge dem Westwallweg nach rechts. Auf 630 Kilometern Länge waren von Kleve bis Basel 20.000 Bauwerke aus Zement, Eisen und Holz als Verteidigungs-Bollwerk im Westen errichtet worden. Ein Teil der Ruinen aus dieser Zeit befindet sich hier, auf dem Schwarzen Mann, und mahnt uns zum Frieden. Beeindruckende Relikte aus dem 2. Weltkrieg säumen den Weg, und ein Audioguide mit QR-Code erzählt mir an dieser Stelle die Geschichte des moosbewachsenen Gruppenunterstandes für 15 Personen (Station 11), den ich nun interessiert betrachte und der sich kaum von einem unterhöhlten Felsen unterscheidet.

Über die bequem ausgebauten Wanderwege 1 und 9 arbeite ich mich bergab ins Tal vor, wo ich wieder auf den „Moore-Pfad Schneifel“ treffe, mich dort links halte und etwas suche, das mich schon im Vorfeld neugierig gemacht hat: das Eschfenn mit seinen Blockbohlenwegen. Der Wald weicht einer kärgeren Moor-, Sumpf und Heidelandschaft, und dann erblicke ich links hinter einer Sitzgruppe den ersehnten Blockbohlenweg im Quellgebiet des Alfbaches. Spätestens hier fällt mir auf, was mich schon den ganzen Tag begleitet: Gluckerndes Wasser und das Zwitschern der Vögel. Egal ob auf der Höhe oder hier unten – überall ist Wald, überall singen Vögel und vor allem ist überall Wasser! Auch oben am Westwallweg, selbst an der Landstraße entlang. Das liegt an üppigen 1300 mm Niederschlag jährlich auf den Hochlagen der Schneifel, dem wasserstauenden Boden und den relativ sanften Gefällen. So nehmen die Torfmoose das Wasser auf und geben es langsam und stetig wieder ab. Nicht zuletzt an meine Ohren, die das Konzert aus den Stimmen des Wassers und der Vögel sichtlich genießen.

Ich atme tief ein und durchstreife das lichte Waldgebiet mit dem feuchten Boden auf klingenden Holzwegen und weich federnden Pfaden. Dieser besonders reizvolle Abschnitt des Weges ist bestimmt 500 Meter lang. Hinterher gelange ich links über einen zauberhaften Waldweg mit etlichen Bohlenwegen, Brücken und spannend gewachsenen Bäumen und über einen weiteren steil aufsteigenden Pfad (Teil des Matthiaswegs und des Moore-Pfads Schneifel) wieder etliche Höhenmeter hinauf zurück zum Schwarzen Mann. Den ich nun – ebenso wie den Tranchotstein – endlich finde und gebührend kennen lernen kann.

Im Winter ist das etwa 1,4 km von hier gelegene Blockhaus am Schwarzen Mann, umgeben von Abfahrtspisten, Langlaufloipen, einer Rodelbahn und Schleppliften, das Herz dieser Gegend. Und auch im Sommer bietet es Speis und Trank und ein offenes Kaminfeuer, Streichelzoo, Spielplatz und eine schöne Aussicht. Der immens große Wanderparkplatz 6 ist ein idealer Ausgangspunkt für etliche Wanderungen – sowohl auf gut ausgebauten breiten Wegen als auch auf schmalen, spannenden Pfaden. Wie auch am Parkplatz 7 oben am Tranchotstein befinden sich in einem Behälter neben der Übersichtskarte der Gegend Informationsblätter mit Wanderrouten und einer Karte der Umgebung. Der Schwarze Mann und ich sind noch nicht fertig miteinander. Es gibt noch so viel zu sehen! Der Dreiländerblick ist mir heute verwehrt geblieben. Und noch so vieles anderes. Und hier im Wald gibt es einen Trekking-Platz zum Zelten in freier Natur. Ich bin neugierig – und komme wieder…

 

Koordinaten:

Kettenkreuz: ca. 50°16’21.65″N, 6°22’53.49″E (am Schneifelpfad, Matthiasweg, Wanderweg 3 und 9)

Schwarzer Mann / Tranchotstein: 50°15’29″N, 6°21’37″E (am Moore-Pfad Schneifel)

Wanderwege:

Westwallweg, Matthiasweg, Moore-Pfad-Schneifel, Schneifel-Pfad (Muße-Pfad – Weg des Friedens), Wanderwege 1, 2, 3 und 9

Weitere Informationen:

www.ferienregion-pruem.de

https://www.naturwanderpark.eu/wanderwege/a-moore-pfad-schneifel (Premium-Wanderweg Moore-Pfad Schneifel)

Audio-Guide Westwallweg (zur Zeit in Überarbeitung): http://gwiw.bund-rlp.de/projekte/audioguide/

Eifel-Trekking: www.trekking-eifel.de

Literaturempfehlung:

Georg Müller: Wanderungen für die Seele, Droste Verlag 2016, ISBN 978-3-7700-1566-5

Kettenkreuz
Tranchotstein
Forstmeister-Jansen-Stein
Am Westwallweg
Im Eschfenn
Moore-Pfad Schneifel

Moore-Pfad Schneifel/Matthiasweg

Alle Wege führen nach Pronsfeld – was Eisenbahnen und Fahrräder gemeinsam haben

Alle Wege führen nach Pronsfeld –
was Eisenbahnen und Fahrräder gemeinsam haben

Pronsfeld, wo hab ich das doch gelesen? Richtig, auf einer Milchpackung! Denn die richtig leckere Milch kommt natürlich aus der Eifel. Dabei hat „die Arla“ (wie Mitarbeiter und Angehörige und Anwohner die Arla Foods Deutschland GmbH freundlich personalisieren, falls sie nicht noch von der „Muh“ sprechen) ihren Sitz streng genommen nicht in Pronsfeld, sondern auf dem Gebiet des Nachbarorts Pittenbach (der sogar eine andere Postleitzahl hat) – wenn auch zugegebenermaßen direkt an der Ortsgrenze und mit einer Pronsfelder Postadresse. Außer der Sache mit der Milch wusste ich eigentlich nichts über Pronsfeld…

Dabei ist es in gewisser Weise der Nabel der Welt. Zumindest, wenn man direkt vor der alten Lok an der Kreuzung Hauptstraße / Bahnhofstraße steht. Direkt nebenan gluckert die Prüm unter einer Brücke hindurch in ihrem malerischen Bachbett, und auf der anderen Straßenseite befindet sich ein freundlich einladender Fahrradrastplatz mit gefühlten hundert Wegweisern. Hier geht es nach Prüm, Pittenbach, Waxweiler, Lünebach und Arzfeld, Bleialf und zur Habscheidermühle und letztlich auch nach St. Vith in Belgien, geleitet von mehreren verschiedenen Radrouten-Symbolen. Da muss ich mich erst einmal setzen.

Dann setzt die Neugier ein, und ich lasse mich ein auf das frei zugängliche Outdoor-Eisenbahnmuseum, das mir die Geschichte dieses Ortes erzählt. Denn ich befinde mich an einem alten Bahnhof. Die Lok, die hier ausgestellt ist und die ich frei betreten kann, ist eine Köf II mit einem Flachwagen. Der 3. Klasse-Personenwagen stammt aus dem Jahr 1940. Die Uhr, das Stationsschild, Gleisstücke, Signale, alte Fahrpläne, Fotos und vieles mehr erinnern an alte Zeiten, denn seit 1886 hielten hier die Züge der Westeifelbahn auf der Strecke von Prüm nach Bleialf. Heute sind es Radler aus allen Himmelsrichtungen, die die Bahntrasse zu entspannten Fahrradtouren ohne viele Höhenmeter nutzen und hier ihre wohlverdiente Pause einlegen.

1883 war bereits die Kreisstadt Prüm mit Gerolstein und damit mit der Eifelbahn von Trier nach Köln verbunden worden, ab 1888 ging es von Bleialf weiter nach St. Vith und letztlich ab 1889 über die Vennbahn bis Aachen und Luxemburg. Ab 1907 war es außerdem möglich, mit der Bahn von Pronsfeld nach Waxweiler oder nach Neuerburg zu gelangen, und ab 1916 existierte auf der Strecke sogar ein zweites Gleis. Die Strecke war nicht nur für den Personenverkehr und die wirtschaftliche Entwicklung der Region wichtig, sondern auch für militärische Zwecke wie die Versorgung der Westfront im 1. Weltkrieg mit Soldaten, Material und Verpflegung. Nachdem St. Vith ab 1920 zu Belgien gehörte, wurde Bleialf Zollstation, und der Verkehr auf dieser Strecke ging deutlich zurück. Dennoch war Pronsfeld 1936 beim Bau des Westwalls ein wichtiger Umschlagplatz für das Baumaterial, und die Bahn wurde von zahlreichen Arbeitern als Verkehrsmittel genutzt. Zum Kriegsende wurde der Bahnhof aufgrund seiner militärischen Wichtigkeit fast vollständig zerstört, und mit ihm das ihn umgebende Dorf. Mehrere Jahre nach dem 2. Weltkrieg wurden die Strecken zwar wieder in Betrieb genommen, nicht jedoch die Verbindung zwischen Bleialf und St. Vith. Von 1965 bis 1972 wurde der Personenverkehr nach und nach eingestellt. Der letzte Güterzug fuhr 1994.

Heute, in den Zeiten des fast grenzenlosen Europas, strampeln wir auf bequem asphaltierter Trasse – meist ohne uns der dramatischen Ereignisse bewusst zu sein, die sich hier ereigneten – von Pronsfeld aus, nicht selten über malerische Viadukte, in alle Himmelsrichtungen des weiten Eifellandes. Oder auch mal eben kurz nach Belgien.

 

Standort Eisenbahnmuseum:

54597 Pronsfeld, Ecke Hauptstraße/Bahnhofstraße

(mit Picknickplatz, einer mobilen Toilette und einem kleinen „Kiosk“, der an Sommerwochenenden geöffnet ist)

weitere Infos:

www.ferienregion-pruem.de (unter Kultur – Museen / Radfahren – Radfahren rund um Prüm – Eifel-Ardennen-Hohes Venn-Radwanderweg bzw. Prüm-Radweg bzw. Enz-Radweg)

www.pronsfeld-eifel.de/85/eisenbahngeschichte